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Nachruf

Peter Schreier: Aus dem Dresdner Kreuzchor in die große Opernwelt

Peter Schreier (Meißen 1935–Dresden 2019).
Peter Schreier (Meißen 1935–Dresden 2019).(c) APA/Sebastian Kahnert
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Peter Schreier, einer der führenden lyrischen Tenöre des 20. Jahrhunderts, starb 84-jährig am Stephanitag. Als Aushängeschild der Kulturpolitik der DDR war er dennoch herausragender Interpret geistlicher Oratorienliteratur, außerdem Meister des Liedes und internationaler Opernstar.

Wie viele Musikfreunde haben seine Stimme wohl in den vergangenen Tagen in einer seiner Aufnahmen von Bachs „Weihnachtsoratorium“ gehört? Vielleicht gerade am Stephanitag, als die Meldung vom Tod des deutschen Tenors bekannt wurde . . .

Aufnahmen des „Weihnachtsoratoriums“ dokumentieren Peter Schreiers künstlerischen Werdegang anschaulich: In der beliebten Video-Aufzeichnung aus Waldhausen sang er unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt, in einer von ihm selbst dirigierten Einspielung präsentierte er sich – wie oft in Livekonzerten – als singender Dirigent; und in einer älteren Produktion unter Martin Flämig sang er mit den Kräften der Dresdner Kreuzschule nebst Theo Adam, ebenfalls Kruzianer, der oft mit Schreier Seite an Seite agierte, nicht nur in Wagners „Rheingold“, sondern immer wieder auch in großer Oratorienliteratur.

Peter Schreiers Knabenalt hatte schon aufhorchen lassen. Rudolf Mauersberger, der legendäre Leiter des Kreuzchors, komponierte eigens für seinen Zögling, der nach dem Stimmbruch eine ebenmäßige, von jeglichen Schlacken oder Rauheiten freie Tenorstimme hören ließ. Nach Studien an der Dresdner Hochschule debütierte Schreier 1959 an der Dresdner Oper.

 

Bach, Mozart und kein zu lauter Ton

Die Kunde vom stilistisch sattelfesten, nicht nur für Bach oder Händel, sondern auch für Mozart prädestinierten Tenor drang rasch über den Eisernen Vorhang: Schreier blieb treuer DDR-Bürger, verlor kein kritisches Wort und genoss die Privilegien des Kultur-Aushängeschilds im Westen.

Karl Richter präsentierte Schreier im Wiener Musikverein in einer Aufführung der „Hohen Messe“ und machte ihn zum unverzichtbaren Partner seiner Bach-Interpretationen: Einen Höhepunkt an Innerlichkeit erreichten beide mit einer Aufführung des „Schemelli'schen Gesangsbuchs“, Mitte der Siebzigerjahre, Richter begleitete Schreier an der Orgel des Musikvereinssaals, das Kennerpublikum hielt angehörs der keusch-schwebenden Vokallinien den Atem an.

Der kluge Lied-Interpret Schreier war damals längst zur lebenden Legende geworden; bezeichnend fand mancher Wiener Konzertbesucher, dass der Tenor seine erste „Schöne Müllerin“ nur vier Wochen nach dem Tod des großen Fritz Wunderlich sang. Viele betrachteten Schreier als dessen Erben, wenn auch seine Stimme so ganz anders, viel weniger sinnlich, aber ähnlich makellos geführt klang.

An der Wiener Staatsoper sang Peter Schreier 200 Mal, darunter – noch in deutscher Sprache – sogar den Lenski in Tschaikowskys „Eugen Onegin“, vor allem aber Mozart, den Tamino, den Idomeneo, den Ottavio, den Ferrando, nach dessen „Aura amorosa“ während der von Karl Böhm dirigierten Premiere der „Così fan tutte“-Inszenierung Otto Schenks der Applaus die ganze Lichtpause bis zum Hochziehen des Vorhangs nicht verebben wollte.

Als Mozart-Tenor war Schreier auch von den Salzburger Festspielen nicht wegzudenken, vom ersten Tamino, 1967, bis zum letzten Liederabend mit András Schiff 1998. Die Aufnahmen, die Schreier hinterlässt, sind zahllos, als Sänger wie als Dirigent war er über Jahrzehnte auch in den Studios der großen Firmen aktiv – vom gitarrebegleiteten Schubert-Zyklus bis zu Wagners Loge sang er jedenfalls nie einen zu lauten Ton.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2019)