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Randerscheinung

Dieser ganze Haufen Zeit

(c) Carolina Frank
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Wenn wir uns ihn so anschauen, den Jüngsten, dann ist plötzlich sonnenklar, wo sie hin ist, die Zeit.

Da wir uns im neuen Jahrzehnt das erste Mal wieder über den Weg laufen (Hallo, alle zusammen!), muss ich schnell nachtragen, was sich in der Zwischenzeit ereignet hat. Kaum habe ich diesen Satz hingeschrieben, merke ich auch schon, gar so viel war es auch wieder nicht. Genau genommen eigentlich nur, dass der Jüngste nun auch ein Handy hat (wenn auch bloß ein Mobiltelefon im engen Wortsinn, also mit Tasten, und kein wischbares Smartphone, was aber an der Intensität der Nutzung dieses Retrodings rein gar nichts ändert). Nun bleibt also der Hund der Einzige in der Familie, der nicht telefonisch erreichbar ist. Der Umstand, dass in einem ganzen Monat außerdem nicht so viel passiert ist, passt aber ganz gut zu einer zum Jahreswechsel gemachten Erkenntnis. Denn als die Zehnerjahre endgültig dahingegangen waren, stellten wir uns wieder einmal die gar nicht besonders originelle Frage, wo er denn hin sei, dieser ganze Haufen Zeit, konkreter gleich ein ganzes Jahrzehnt, was ja unglaublich viel klingt. Und da biegt die Antwort gerade in Form des Jüngsten mit seinem Handy um die Ecke, der ja demnächst seinen ersten zweistelligen Geburtstag feiert, also genau diese eine vergangene Dekade alt ist. Und wenn wir uns ihn so anschauen, dann ist plötzlich sonnenklar, wo sie hin ist, die Zeit. Denn so wunderbar er ist, ist er nicht über Nacht geworden, sondern da war schon die eine oder andere durchwachte dabei, viele Tage der intensiven Widmung, des großen Glücks und einige Ambulanzbesuche auch. Manches darunter kommt einem vor, als wäre es gerade erst gewesen, anderes (ungefähr gleich lang her) scheint ewig vergangen, ist auch bei intensivem Nachdenken kaum mehr verlässlich rekonstruierbar. Ganz schön viel passiert also, obwohl gar nicht so viel passiert ist.

("Die Presse - Schaufenster", Print-Ausgabe, 17.01.2020)