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Hilfe auf Österreichisch

Kleiner Igel, große Spende

(c) Marin Goleminov, Presse
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Menschen engagieren sich nicht nur für andere Menschen, sondern auch für Tiere. Warum sie das tun und wie tierlieb Österreich ist – eine Spurensuche bei der Wildtierhilfe Wien. (Von Astrid Eisenprobst)

Ein hohes Piepsen füllt die Quarantänestation der Wildtierhilfe Wien. Es ist so durchdringend, dass das Geräusch des Regens, der gegen das Fenster prasselt, beinahe untergeht. Wie als Antwort auf das Piepsen läuft die Uhr der Mikrowelle ab; die Maschine klingelt kurz. Mit einem schnellen Handgriff entnimmt die Biologiestudentin Eva das warme Handtuch und trägt es zu einem der Käfige, in dem eine zerzauste Taube sitzt. Obwohl sie wie ein erwachsenes Tier aussieht, ist sie noch jung, was man an dem fiependen Geräusch erkennen kann, das sie ununterbrochen ausstößt. Routiniert baut Eva ein Nest aus dem warmen Stoff und legt es in den Käfig. Der ganze Vorgang dauert nur wenige Sekunden.

Hier, direkt neben dem Franz-Josefs-Bahnhof, kümmern sich um die 20 freiwilligen Helfer im Schichtbetrieb seit 2016 um verletzte oder kranke Wildtiere wie Eichhörnchen, Füchse und Singvögel. Die knapp 90 Quadratmeter großen Räumlichkeiten umfassen zwei Quarantänestationen, also Räume, die verschlossen werden können, einen Raum mit einem deckenhohen Vogelkäfig, einen Aufenthaltsraum für die Helfer und eine Küche. Ein Außengehege gibt es nicht.

Die Wildtierhilfe wird ausschließlich von Spenden und Mitgliedsbeiträgen finanziert. Von den Menschen, die verletzte oder kranke Tiere vorbeibringen, wird kein Geld verlangt. Trotzdem kommt von dieser Gruppe das meiste Geld, denn wer ein Tier vorbeibringt, der spendet auch gerne für die Hilfe, die dann geleistet wird. Die Spenden, die von Jahr zu Jahr variieren, reichen, um die Räumlichkeiten, die Medizin und das Futter für die Tiere zu zahlen. 2019 bekam die Wildtierhilfe rund 40.000 Euro. Für Personal reicht das nicht, nur die Obfrau des Vereins ist 15 Stunden die Woche angestellt. Der Arbeitsaufwand entspricht aber dem einer Vollzeitstelle.

Wieder klingelt die Mikrowelle kurz. Ein weiteres Handtuch ist aufgewärmt. Erneut baut Eva daraus ein Nest. „Warum ich mich für Tiere engagiere? Das fragen mich sogar manchmal meine eigenen Eltern,“ sagt sie. Die Antwort lautet: „Irgendjemand muss sich halt drum kümmern. Die Vorstellung, dass man verletzt draußen liegt und niemand hilft, das ist gruselig.“

Es gibt genug Menschen, die verletzte Tiere nicht liegen lassen. Nach einem klärenden Telefonat, bei dem die Hilfsbedürftigkeit des Tieres und der verfügbare Platz in der knapp 90 Quadratmeter großen Wildtierhilfe abgeglichen werden, können Finder vorbeikommen.

Aber muss Wildtieren unbedingt geholfen werden? Ist ein sterbender Igel nicht einfach Teil der Natur?

„Was ist noch die Natur?“ hält Evelyn Moser-Gattringer, die Obfrau des Vereins, solchen Aussagen entgegen. „Dass Menschen sich ärztliche Hilfe holen, ist auch nicht die Natur. Ein erheblicher Teil unserer Tiere kommt durch nachweislich menschliches Verschulden zu Schaden.“ Dazu gehören Kollisionen mit Fensterscheiben von hohen Häusern, gerade im Winter, wenn die Sonne tief steht, aber auch der Kontakt mit Hunden und Katzen. Besonders Katzen sind kein Teil der heimischen Flora, werden aber von Menschen versorgt und dezimieren, wenn sie Freigang haben, die Wildtierpopulation. Besonders heimische Singvögel sind davon betroffen.

Ein weiteres Argument für die Existenz der Wildtierhilfe ist das Tierschutzgesetz. Laut § 9 muss ein Mensch, der ein Tier verletzt oder es in Gefahr gebracht hat, dem Tier Hilfe leisten oder eine Hilfeleistung veranlassen. Moser-Gattringer erklärt das so: „Wenn meine Katze einen Vogel fängt und der Vogel noch lebt, dann bin ich dafür verantwortlich, dass dem Vogel geholfen wird.“ Wem das also passiert, der ist gesetzlich verpflichtet, den Vogel zu einem Tierarzt oder einer anderen Einrichtung zu bringen. Es muss also Stellen geben, an die man sich in so einem Fall wenden kann. Und so eine Stelle ist die Wildtierhilfe.

Allerdings gibt es nicht nur Menschen, die diesen Service in Anspruch nehmen, in dem sie Tiere vorbeibringen. Es gibt auch solche, die mithelfen wollen, weil sie wilde Tiere einmal hautnah erleben wollen. Solche freiwilligen Helfer sind bei der Wildtierhilfe nicht erwünscht.

Das Auswahlverfahren der freiwilligen Helfer ist lang, allerdings muss man keine Vorkenntnisse in der Wildtierpflege mitbringen, nur die Bereitschaft, sich weiterzubilden. Interessierte bewerben sich mit Motivationsschreiben und Lebenslauf und werden zu einer Infoveranstaltung eingeladen, bei der sie, unter anderem, über die Risiken aufgeklärt werden, die die Arbeit mit wilden Tieren mit sich bringt. Abschließend müssen mehrere Schnuppertermine absolviert werden. Während der Schnuppertermine sind die potenziellen freiwilligen Helfer bei einer vollen Schicht dabei und können sich anschauen, was alles von ihnen verlangt wird.

Eine Schicht kann sich stark von der nächsten unterscheiden. Es kommt dabei immer darauf an, welche Tiere gerade in der Wildtierhilfe sind und was sie brauchen. Käfige reinigen und die Tiere füttern gehört auf jeden Fall dazu, allerdings kann es auch häufig vorkommen, dass die Freiwilligen Medikamente verabreichen müssen. Das Ausrechnen der richtigen Dosierung muss man nach den drei Schnupperterminen beherrschen. Wenn Interessierte als freiwillige Helfer aufgenommen werden, dann wird erwartet, dass sie pro Woche mindestens eine sechsstündige Schicht übernehmen.

„Sechs Stunden, das ist das absolute Minimum,“ betont Moser-Gattringer. „Wenn man zwei Wochen nicht da ist, dann kennt man die Tiere nicht mehr und kann nicht beurteilen, ob es ihnen besser oder schlechter als am Vortag geht.“

Luise, die im Master Naturschutz studiert, hilft ebenfalls ehrenamtlich bei der Wildtierhilfe mit. Sie ist um die 20 Stunden pro Woche in den Vereinsräumlichkeiten. „Man sieht ja, wofür wir es machen. Wenn man ein krankes Tier gesund pflegt und wieder auswildert, dann ist das ein tolles Gefühl. Man macht es gerne, sonst wäre man nicht so oft da.“ Den Weg zur Wildtierhilfe hat Luise über einen Aushang an der Universität gefunden. Sie hat sich von dem Aufruf zur Mitarbeit angesprochen gefühlt und sich beworben.

Tierliebe, gesetzliche Bestimmungen, Umweltschutz – die Motivationen der drei Frauen in der Wildtierhilfe sind vielfältig. Es gibt ihn nicht, den einen Grund, warum Menschen sich um Tiere kümmern wollen oder warum sie Geld für Tierschutzorganisationen spenden. Das bestätigt auch Michaela Neumayr von der Wirtschaftsuniversität Wien. Sie forscht am Institut für Nonprofit Management, unter anderem zu den Themen Spenden und Philanthropie.

„Was zum Spenden motiviert, das kann etwas Intrinsisches sein – ich will, dass ein bestimmtes Problem bearbeitet und gelöst wird. Es kann auch etwas Extrinsisches sein – ich spüre einen sozialen Druck, ich werde angesprochen,“ sagt Neumayr. Auch für die Motivation, sich freiwillig zu engagieren, gibt es viele Erklärungen. Einer der wichtigsten Faktoren sei aber immer, dass sich Spender direkt angesprochen fühlen.

Wer sich wovon angesprochen fühlt und wie viel wofür in Österreich gespendet wird, das wird jedes Jahr vom Fundraising Verband Austria erhoben. Laut dem Spendenbericht 2019 gingen im Jahr 2018 22 Prozent der Spenden an Tiere; nur für Kinder spendet der Österreicher lieber.

Unter den 20 NPOs, die in Österreich die meisten Spenden erhalten, finden sich mit Greenpeace, Vier Pfoten und WWF gleich drei Organisationen, die sich für Tier- und Umweltschutz einsetzen. Zusammen erhielten diese im Jahr 2018 rund 35 Millionen Euro aus Geldspenden und Mitgliedsbeiträgen.

 

In Deutschland sieht das Bild anders aus. Gemäß einer jährlichen Studie des Deutschen Spendenrats wurden zwischen Januar und September 2018 6,4 Millionen Euro für Tierschutz und 3,6 Millionen Euro für Umwelt- und Naturschutz gespendet. Das macht nur zehn Millionen Euro für Umwelt- und Tierthemen in einem Land, das zehn Mal so viele Einwohner wie Österreich hat. Zum Vergleich: Am meisten spendet der Deutsche für humanitäre Hilfe, nämlich 75 Millionen Euro.

„Ich würde diese Zahlen nicht überbewerten,“ meint Neumayr. „Es hängt ganz stark davon ab, wie die Frage gestellt wird. Es macht einen Unterschied, ob man bei der Befragung nach Tieren und Umwelt fragt oder nur nach Tieren. Also aufgrund dieser Befragungsdaten würde ich das nicht überbewerten.“

Allerdings sind Österreicher auch geizig, wenn es um Spenden geht. Dem Spendenbericht 2019 zufolge ist das Spendenaufkommen pro Einwohner in Österreich im Europavergleich mit 77,66 Euro jedenfalls sehr gering. In Deutschland sind es immerhin 90,36 Euro pro Einwohner. Diese Zahlen lassen es doch so aussehen, als wäre das Thema Tiere in Österreich wichtiger als im Nachbarland Deutschland.

Einen Konflikt zwischen den Spendenmotiven gibt es nicht. „Es gibt Menschen, die spricht das eine mehr an und es gibt Menschen, die spricht das andere mehr an“, sagt Neumayr. „Und es gibt sicher eine große Gruppe, die sich für Tiere überhaupt nicht interessiert.“ Selbst innerhalb dieser Gruppe könne es große Unterschiede geben: Manchen seien Hunde und Katzen vielleicht egal, dafür sei ihnen die Artenvielfalt wichtig. Umgekehrt treffe das Gleiche zu.

Wer die Wildtierhilfe kritisiert

Doch Moser-Gattringer und der Verein haben nicht nur Befürworter, sondern werden auch immer wieder mit Kritik konfrontiert. Der Vorwurf, dass sie sich zu viel um Tiere kümmern und nicht um Menschen kommt einem da in den Sinn. Doch meistens wird kritisiert, wie in der Wildtierhilfe gearbeitet wird.

„Es gibt schon manchmal Leute, denen es nicht passt, dass wir uns um Wildtiere kümmern, aber wir werden vor allem wegen der Aufnahmestopps kritisiert“, sagt Moser-Gattringer. Gerade im Sommer sei oft zu wenig Platz da. Wenn sie aus Platzmangel ein Tier ablehnen, werden sie am Telefon angeschrien werden. Auch Tränen sind schon geflossen. „Wenn keine professionelle Anlaufstelle mehr Platz hat, dann ist die einzige andere Möglichkeit, das Tier von einem Tierarzt einschläfern zu lassen. Wenn man das am Telefon sagt, dann ist man unten durch.“

Plötzlich ertönt ein Geräusch, das so klingt, als würde eine große Katze einen Fellball heraufwürgen. „Das ist ein hustender Igel, der hat Lungenwürmer“, sagt Moser-Gattringer mit einem Kopfnicken in Richtung eines weiteren Käfigs. „Da hat er Pech.“

Zurück in die Wildnis

Wenn ein Wildtier in die Wildtierhilfe kommt, dann wird es dort von den freiwilligen Helfern gesund gepflegt. Das beinhaltet die Zufuhr von Medikamenten und das Abheilen von Wunden. Entweder wird das Tier danach am Fundort oder einem anderen geeigneten Ort freigelassen oder kommt zuerst in eine Voliere.

Tiere, die lange in Pflege waren, werden in diesem überdachten Außengehe gehalten, um sich wieder an die Natur gewöhnen zu können. Eine Voliere verfügt meist über ein Doppelgitter und einen Untergrabungsschutz und bietet genug Versteckmöglichkeiten für das Tier. Da die Wildtierhilfe keine eigene Voliere hat, arbeiten sie mit Privatpersonen in ganz Österreich zusammen, die sie bei der Auswilderung unterstützen. Nur wenn Tiere schrittweise ausgewildert werden, können sie in der Wildnis überleben.