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Pflegen uns bald die Roboter?

Lucas Paletta leitet das Projekt „Amigo“. Dabei zieht Roboter Pepper für drei Wochen in einen Haushalt ein und unterstützt Menschen, die von Demenz betroffen sind. (Von Annemarie Andre)

Österreich braucht rund 75.000 neue Pflegekräfte bis 2030. Davon geht eine Studie der Gesundheit Österreich GmbH aus, die auf Initiative der ehemaligen Sozialministerin Brigitte Zarfl durchgeführt wurde. Der Pflegekräftemangel kann durch Menschen kaum behoben werden. Daher gibt es Forschungsprojekte wie die von Lucas Paletta. Er leitet am Joanneum Research in Graz das Projekt „Amigo“. Dabei zieht Roboter Pepper für drei Wochen in einen Haushalt ein und unterstützt Menschen, die von Demenz betroffen sind.

Das Forschungsprojekt – in Zusammenarbeit mit dem Sozialverein Deutschlandsberg und der Wiener Firma Humanizing Technologies – wird auch in puncto Ethik evaluiert. Das Institut für Pflegewissenschaften der Medizinischen Universität Graz prüft, wie Demenzbetroffene auf Roboter reagieren und welche Auswirkungen es auf sie hat.

Die Presse: Sind Pflegeroboter die besseren Butler?

Lucas Paletta: Wenn man von Pflegerobotern spricht, dann geht es um einen weiten Bereich. Da gibt es die Servicerobotik mit dem Roboter, der pflegt, indem er Handlungen durchführt. Dann gibt es den sozial assistierenden Roboter, der für Motivation und Unterhaltung sorgt. Dieser Roboter bringt kein Getränk oder Buch, sondern hat eine wichtige Funktion im Demenztraining.

Wie kann ein Roboter Demenzbetroffene motivieren?

Pepper hat zwei Funktionen, die eines Trainers und die eines Begleiters. Wenn Demenzbetroffene mit „Amicasa“ trainieren, einer Tablet-App mit körperlichen und kognitiven Übungen, dann begleitet Pepper die Personen motivierend beim Training oder tröstet sie, wenn das Ergebnis einmal nicht so gut ist. Als Begleiter dient er dazu, die Personen über den Tag hinweg immer wieder zu aktivieren und aus ihrer Passivität herauszuholen. Wichtig ist, dass sie sich bewegen und etwas machen. Pepper tanzt, spielt Musik und schwingt mit den Personen mit – auch zu Rockmusik, wenn sie das wollen.

Gibt es auch Hemmungen im Umgang mit Pepper?

Viele der älteren Personen haben in der ersten Woche Vorbehalte und gehen auf Distanz zu Pepper. Das hat sich aber bei fast allen sehr positiv gewandelt. Teilweise kam es sogar zu emotionalen Verabschiedungen, als Pepper nach drei Wochen wieder gehen musste. Die emotionale Belastung durch den Roboter sollte aber nicht zu stark werden. Daher werden Dialoge auf manche Personen voreingestellt und bestimmte Bilder aus dem Leben einer Person aufgegriffen. Es gab aber auch eine Person, die den Roboter nach drei Tagen nicht mehr haben wollte, weil sie sich überfordert fühlte. Nicht jede Technologie ist für jeden etwas. Demenzpatienten sind die letzten, die sich an etwas anpassen sollten.

Wann kann es gefährlich sein, einen Roboter einzusetzen?

Wir setzen den Roboter nur bei leicht Demenzbetroffenen ein, bei schwer Demenzbetroffenen wäre die Gefahr, sich emotional zu sehr zu binden oder enttäuscht zu werden, hoch. Sie könnten den Roboter für ihren Sohn oder ihre Tochter halten.

Pepper sieht also bewusst nicht aus wie ein Mensch?

Der Clou an Pepper sind die sozialen Signale, die er aussendet, obwohl er eben nicht menschlich aussieht. Wenn Patienten ihm über den Kopf streicheln, lacht er. Er sendet also Signale aus, die typisch menschlich sind, aber auch Signale, die zeigen, dass er nur ein Roboter ist. Neben Verhaltensweisen hat er drei Distanzbereiche. Je nach Entfernung sendet Pepper verschiedene Signale zur Kommunikation aus und versucht, die Person zu einem Dialog, einer Aktivität zu motivieren. Insgesamt wird Pepper als Maschine wahrgenommen, als Spielzeug mit ernstem Hintergrund. Demenz ist eine große soziale Herausforderung. Fake-Menschen herzustellen wäre meine ethische Grenze.

Es gibt dieses berühmte Beispiel des Microsoft-Chat-Roboters Tay, der auf Twitter mit Nutzern interagieren sollte. Binnen kürzester Zeit wurde der Chatbot zu einem Rassisten und Sexisten. Wie lässt sich das bei Pepper ausschließen?

Bei Pepper gibt es nur kleine Dialoge, die programmiert sind. Wir haben keine Dialoge zugelassen, die auf künstlicher Intelligenz basieren, da dies noch ein offenes Forschungsgebiet ist und Demenzbetroffene emotional sehr verletzlich sind. So viel Vielfalt gibt es bei den Dialogen also noch nicht. Da besteht natürlich die Gefahr, dass den Personen langweilig wird. Es müsste also Sprachassistenten geben, die Verantwortung übernehmen können.

Könnte sich nun jeder einen „Pepper“ kaufen?

Es geht nicht um den Verkauf, sondern um den Einsatz von Robotern im Pflegebereich. Da ist besonders der Wohnbereich zentral, denn dahin verlagert sich die Pflege. Menschen wollen so lang wie möglich zu Hause bleiben. Ein Roboter, der da unterstützt, kommt den Staat auch billiger, als wenn eine Person ins Pflegeheim muss. Bei Demenzerkrankungen wird das multimodale Training immer wichtiger, also die Kombination aus kognitiven und körperlichen Übungen. Neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge kann die Fortschrittsgeschwindigkeit der Erkrankung so verbessert werden, da bei Alzheimer oft die Lifestyle-Faktoren entscheidend sind. Durch den Roboter werden außerdem die Angehörigen entlastet, die persönliche Beziehung zu ihnen wird besser. Angehörige haben die Chance, schnell einmal in den Garten zu gehen, ohne sich fürchten zu müssen, dass währenddessen etwas passiert. Wichtig ist, dass eine neue Technologie achtsam verwendet wird.

Wie wird die Pflege 2050 aussehen?

Wir haben schon jetzt einen Mangel an Pflegepersonal, speziell auf dem Land. Die Menschen schließen diese Lücke nicht, daher braucht es Forschungsprojekte wie dieses. Technologisch gesehen können Systeme im Jahr 2050 mehr auf die Menschen eingehen, Emotionen verstehen und sich auch auf den Kommunikationsstil einlassen. Momentan fehlt noch etwas, das die Entwicklung der Selbstorganisation der Demenzbetroffenen unterstützt. Die Idee ist immer, dass Technik alles abnimmt, dabei ist eine Assistenzfunktion optimal, wenn sie nicht mehr benötigt wird. Virtual Reality wird in Zukunft auch eine größere Rolle spielen. Der Sinn ist nicht, dass Patienten am virtuellen Tropf hängen, sondern, dass sie wieder motiviert werden zu genießen. Auch im Augmented-Reality-Bereich wird gerade begonnen zu forschen. Eine intelligente Brille könnte den Personen dabei helfen, sich nicht zu verlaufen oder die richtige Kleidung zu kombinieren. Viele Patienten haben große Angst vor peinlichen Situationen im Alltag oder Diskriminierung aufgrund dessen. Allerdings bin ich kritisch bei zu viel blindem Zukunftsoptimismus. Jede neue Technologie, die bei verwundbaren Patienten verwendet wird, muss überprüft werden.

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