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Morgenglosse

„Nazi“ ist kein harmloses Schmähwort

Hauptgebäude der Uni Wien
Hauptgebäude der Uni Wien(c) Clemens Fabry, Presse
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Auch Linke können die Störaktionen gegen die Vorlesungen von Lothar Höbelt verurteilen.

„Die Zweite Republik (Österreich)“ heißt die Vorlesung, die Lothar Höbelt im Wintersemester 2019/20 gehalten hat, es ging unter anderem um die Formierung der politischen Parteien nach 1945. Wenn ein Historiker im Hörsaal rechtsextreme Propaganda betreiben oder NS-Gräuel verharmlosen wollte, dann böte dieses Thema ihm wohl einige Gelegenheit dazu. Selbstverständlich wäre es dann gerechtfertigt, dagegen zu protestieren.

Einer, der – zugegebenermaßen auch aus journalistischem Interesse – eine Doppelstunde Höbelts besucht hat, darf aber berichten: Dieser tat nichts dergleichen, schilderte vielmehr auch die Geschichte von SPÖ und KPÖ nuanciert und stellenweise geradezu einfühlsam, mit Anekdoten gewürzt, vielleicht nicht ganz im Sinn des reinen historischen Materialismus, aber das muss ja auch nicht sein.

Oder doch? In der von mir besuchten Vorlesung – in einem gut gefüllten mittelgroßen Hörsaal – gab es zwar nur sachliche Zwischenfragen und den üblichen Applaus am Schluss; bei anderen Terminen aber wurde Höbelt von teils vermummten Demonstranten gestört, die Eier warfen, Eingänge blockierten, „Nazis raus!“ riefen. Offenbar hatte sich keiner der Aktionisten die Mühe gemacht, eine Vorlesung zu hören. Ihnen reichte der Verdacht für eine Verurteilung, und zwar eine schwerwiegende: Denn Nazi ist kein harmloses Schimpfwort, das man jemandem schlankerhand an den Kopf wirft, wenn man seine Haltung nicht teilt.

Mehr noch: Es ist eine Verharmlosung dieser menschenverachtenden Ideologie, wenn man jemanden Nazi nennt, nur weil er politisch rechts von einem steht. Dass Letzteres vorkommt, muss man logischerweise als Linker akzeptieren. (Genauso wie ein Rechter zu akzeptieren hat, dass es Menschen gibt, die links von ihm stehen und das laut sagen.) Es sei denn, man glaubt an eine utopische, nein: dystopische Gesellschaft, in der alle in der Mitte stehen und alle gleich denken. Und an eine solche wollen wir lieber nicht glauben, schon gar nicht an einer Universität, einem Ort des freien Geistes.

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2020)