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Filmkritik

Die sonderbare Nostalgie-Show der rumänischen Thronfolgerin

(c) 2019 Navigator Film
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In seiner neuen Doku „The Royal Train“ folgt Johannes Holzhausen (bekannt für „Das große Museum“) Prinzessin Margarita von Rumänien auf Schienentour durch die Provinz – und beobachtet eine Posse, die die politische Wirklichkeit völlig ausblendet. Ab Freitag im Kino.

Am Perron des Dorfbahnhofs herrscht Aufregung. Dort, wo sonst nur Enten quaken und ein Tag dem anderen gleicht, gibt es heute ein beachtliches Gedränge. Menschen schwingen bunte Fahnen, recken ihre Köpfe in die Luft. Sie warten auf hohen Besuch: Prinzessin Margarita von Rumänien geruht, vor ihre Untertanen zu treten. Die Spannung ist groß. Schon naht der königliche Zug, die Jubelstimmung steigt. Flankiert von Militärs tritt ihre Majestät vor das versammelte Volk, ein wohlwollendes Lächeln im Gesicht. Und die Welt ist wieder in Ordnung.

Eine Szene, die wirkt wie aus längst vergangenen Zeiten. Doch wir schreiben das Jahr 2016. Der Auftritt ist Teil einer Tour, die dem rumänischen Königshaus zu neuem Glanz verhelfen soll. Angeleiert von Margarita selbst, sanktioniert von der amtierenden Regierung. „Ich bin nicht auf der Suche nach Bewunderung. Ich möchte etwas tun, das inspiriert.“ So spricht die älteste Tochter des Ex-Monarchen Mihai (der 1947 von den Kommunisten ins Schweizer Exil gezwungen wurde) am Anfang von Johannes Holzhausens „The Royal Train“. Doch der Film zeichnet ein anderes Bild.

Dass er das kann, liegt an Verwandtschaftsverhältnissen. Holzhausens Mutter war eine Cousine des Königs. So wurde der Kontakt zwischen den Royals und dem Salzburger Filmemacher (bekannt für die KHM-Doku „Das große Museum“) geknüpft. Ein Jahr lang begleitete er Margarita, die ihr nominelles Herrschaftsgebiet erst nach langem Auslandsaufenthalt kennenlernte, bei einer ausgedehnten Provinztournee. Und wurde Zeuge einer sonderbaren Inszenierung.

Denn angesichts der unscheinbaren Stationen des Unterfangens wirkt der Aufwand der Adelstruppe maßlos übertrieben. Peinlich genau wird auf das Protokoll geachtet: Wer steigt zuerst aus? Wo steht der Majordomus? Wie viele Schritte bis zur Begrüßungsgeste? Damit alles klappt, muss auch das Publikum mitspielen. Also wird es schon vorab gebrieft. Und nimmt seine Rolle dankend an. Während ein Friseur die Prinzessin präpariert, zwängen sich alte Männer in Ritterrüstungen. Wie, keine Ehrenbezeugung erwünscht? Das ist doch unser Meisterstück! Na gut, dann eben nicht. Hauptsache Spektakel! Schnell den roten Teppich angeklebt, dann geht's los. Widerstand bleibt gering: „Ich dachte, das ist ein abgeschlossenes Kapitel unserer Geschichte“, meint eine Bahnhofsvorsteherin.

 

Verklärter Kontrast zu Ceaușescu

Offenbar nicht. Abschließen würden die Fans der Monarchin lieber mit Ceaușescu und den Folgen. Die Zeit vor der Diktatur, als Rumänien noch ein Königreich war und „Bukarest das kleine Paris“, erscheint für sie als verklärter Kontrast zu (post-)kommunistischer Tristesse. Zusammen mit Margarita wird verstaubten Traditionen gefrönt, die ideologischen Halt versprechen – gekoppelt an „royales“ Merchandising. Seriöse Aufarbeitung der Vergangenheit bleibt auf der Strecke. Ein Nebenstrang des Films rückt sie ins Bild: Er folgt einem Historiker, der auf der Suche nach Adelsartefakten mit Zeitzeugen ins Gespräch kommt. Doch für ihre Erfahrungsberichte ist im Imagezirkus Margaritas kein Platz.

Ob Holzhausen vor Drehbeginn das neue rumänische Kino studiert hat? Durchaus denkbar: Dessen Zentralproduzentin Ada Solomon hat seine Doku mitgetragen. Jedenfalls erinnert „The Royal Train“ zuweilen an Arbeiten von Cristi Puiu und Corneliu Porumboiu, schwankt vor grauen Alltagskulissen zwischen Absurdität und Banalität. Nur kurz blitzt die politische Wirklichkeit des Landes durch die Potemkin'schen Possen der Prinzessin – in Form von Protesten gegen die sozialdemokratische PSD-Regierung, die inzwischen per Misstrauensantrag abgewählt wurde. Ereignisse, an denen der königliche Zug geflissentlich vorbeituckert. Zu Unrecht: Sein nostalgischer Traum hat, wie der Epilog des Films nicht ohne Mitgefühl feststellt, weder Zukunft noch Substanz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2020)