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Ski alpin

Anna Veith: Sportlerherz auf Grenzgang

Anna Veith erachtet ihre Comebacks als genauso prägend wie die Erfolge.
Anna Veith erachtet ihre Comebacks als genauso prägend wie die Erfolge.(c) Johann Groder /picturedesk.com
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Anna Veith ist in Sotschi zurück am Ort ihres Olympiasiegs, die Leidenschaft trotz Leidenszeit ungebrochen. Eine Suche nach dem Limit. Neuschnee führte zur Absage der Abfahrt.

Sotschi/Wien. Im Rückblick, das hat Anna Veith in Interviews offen gesagt, war es nicht das beste Rennen ihrer Karriere, aber es genügte damals zur Sternstunde. 2014 gewann sie noch unter ihrem Mädchennamen Anna Fenninger in Sotschi bei den Olympischen Spielen Gold im Super-G. Sechs Jahre später ist die Salzburgerin zurück an der Stätte ihres großen Triumphs. „We are back to where we had our golden moment“, postete sie am Dienstag. Vergangenen Sommer schienen solche nostalgischen Gefühle in weiter Ferne, quälte Veith wieder einmal die große Frage: weitermachen oder aufhören?

Veith entschied sich für das Comeback, ihren bereits dritten Anlauf in nur fünf Jahren. Die Leidenschaft für den Sport, sie sei noch zu groß, die innere Flamme neu entfacht, erklärte die 30-Jährige ihre Entscheidung. Ihre Begeisterung scheint unerschütterlich, und ist der Grund, warum Veiths Karriere noch nicht zu Ende ist. Mehr als einmal war sie dem Schlussstrich bereits sehr nah: 2015 ruinierte ein Trainingssturz das rechte Knie, 2017 zwang sie dann die entzündete Patellasehne im linken Knie zur OP. Kaum hatte sich Veith an die Spitze zurückgekämpft, im Dezember 2017 den ersten Weltcupsieg nach der Verletzung (ihr 15. und bislang letzter) sowie 2018 Olympia-Silber im Super-G (nur ein Hundertstel fehlte auf Gold) gefeiert, verlängerte im Jänner 2019 ein Kreuzbandriss die Leidenszeit.

 

Kein Typ für leichte Wege

Warum sie sich das alles antut, wurde Veith vor der Saison also wieder einmal gefragt. Schließlich hat sie mit Olympiagold, zwei großen Kristallkugeln (2013/14, 2014/15) und drei kleinen (zweimal Riesentorlauf, einmal Kombination) sowie drei WM-Siegen bereits alle großen Titel gewonnen. „Ich bin kein Typ der leichten Wege. Und mein Sportlerherz ist einfach zu groß“, lautete ihre Antwort. Die Comebacks erachtet sie für ebenso prägend wie die Erfolge. „Ich kann mich wirklich an alle Höhen und Tiefen erinnern. Genauso, wie ich auch meine besten Rennen genau im Kopf habe.“

Mit den Spuren der Verletzungen musste Veith erst umgehen lernen. Die Grenzen der Belastbarkeit haben sich verschoben, bei der Trainingssteuerung ist höchste Sorgfalt geboten. Die vielleicht noch größere Herausforderung für die Absolventin der Skihotelfachschule Bad Hofgastein aber spielt sich im Kopf ab. „Früher habe ich gewusst, wo mein Limit ist, jetzt muss ich mir das neu erarbeiten, neu erspüren und mich auch trauen, mich wieder am Limit zu bewegen“, erklärte sie die Gratwanderung.

In die neue Saison ist Veith verspätet eingestiegen, die Formkurve zeigt zart, aber stetig nach oben. Im Super-G in Bansko verbuchte sie zuletzt ihren ersten Top-Ten-Platz. In Sotschi hat das Wetter das Wiedersehen mit der Olympiastrecke von 2014 verkürzt, die Abfahrt am Samstag wurde abgesagt. Nebel, Schnee und Regen hatten schon unter der Woche die Trainings unmöglich gemacht, die Zeit vertrieb sich Veith beim Konditionstraining. Für Sonntag (9.30 Uhr, live ORF1) steht noch ein Super-G auf dem Programm. Das Ziel bleiben Siege, sie fühlt sich bereit – und die Sehnsucht der Skination. „Denn dann tut es auch dem Nationencup gut, und alle sind zufrieden.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2020)