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Theater an der Gumpendorfer Straße

Ein „Reigen“ – aufbereitet für Tinder-Kunden

Thomas Richter überträgt Schnitzlers Skandalstück von 1920 ins Heute, Dora Schneider inszeniert mit Witz.

Zehn Szenen erotischer Dialoge vor und nach der Kopulation (die aber nicht gezeigt wird), jedesmal wechselt einer der Partner zum nächsten – dieses Setting genügte 1920, um die Uraufführung von „Der Reigen“ in Berlin zu skandalisieren. Es kam zum Prozess. Arthur Schnitzler verfügte über sein Stück zur „Mechanik des Beischlafs“ ein Aufführungsverbot, das bis Ende 1981 hielt. In unserer Zeit ungehemmten Triebkonsums und sanften Zwangs zur dauernden Verfügbarkeit scheint das kaum noch nachvollziehbar.

Thomas Richter hat es versucht und frei nach Schnitzler einen „Reigen“ für die Generation Tinder verfasst, die Beziehungen oft über Datingportale anbahnt. Die Uraufführung im Theater an der Gumpendorfer Straße warf am Dienstag in Dora Schneiders Inszenierung Schlaglichter auf postmodernes Paarungsverhalten. Diese Aktualisierung ist nicht so kompakt wie das Original, in dem sich Dirne, Soldat, Stubenmädchen, junger Herr, junge Frau, ihr Gatte, das süße Mädel, der Dichter, die Schauspielerin und der Graf verbal abmühen, ehe wieder die Dirne dran ist. Zumindest aber führen Jens Claßen, Michaela Kaspar, Raphael Nicholas, Lisa Schrammel, Georg Schubert und Petra Strasser in insgesamt 14 Rollen vereinzelt glaubhafte Typen der Gegenwart vor, im reduzierten Bühnenbild Ilona Glöckels – Neonröhren, ein Podest zum Liegen, Sessel, Vorhänge für Abgänge und Videos, Bänder zum Turnen.

 

Darf man beim Sex auch filmen?

Auch die gleichgeschlechtliche Liebe darf nicht fehlen. Manager und Sexarbeiter beiderlei Geschlechts, ein Künstler, eine Informatikerin, ein Bodybuilder, eine Kriminalbeamtin kommen u. a. zum Date. Gekommen wird recht selten, trotz Viagra. Getrennt ist man rasch. Ehe sich ein Paar auf Sexpraktiken einigt, muss es einen Vertrag unterzeichnen. Anpinkeln? No-Go! Darf man per Handy mitfilmen? Kostet das extra? Was, wenn die Potenzpille dem Muskelprotz Kopfweh bereitet? Wenn sich plötzlich gar die Liebe rührt? Viele Szenen haben Witz, gespielt wird in den 110 Minuten oft entzückend skurril. Die Rollen sind bald leicht austauschbar. An Schnitzlers beiläufige Prägnanz reicht der Text meist nicht heran. Dennoch: Es ist gut, darüber geredet zu haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.02.2020)