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Prävention

Gewalt gegen Frauen: „Wir brauchen Männer als Verbündete“

Eine Initiative in Margareten soll Nachbarn schulen. Doch Männer zeigen wenig Interesse. Organisationen appellieren auch an die Politik.

Wien. Beim Männertisch in Margareten gibt es noch Potenzial: Drei Nachbarn sind es bisher, die regelmäßig kommen, um sich über Gewalt, Männlichkeit oder Unterstützung der Nachbarschaft auszutauschen. „Es ist ein Armutszeugnis, dass es in Margareten nicht möglich ist, mehr Männer zu finden, die sich dieser Sache widmen“, sagt Gerd Sandrieser, der die Runden als Teil von „Stop – Stadtteile ohne Partnergewalt“ – startete.

Die Initiative, die angesichts der zahlreichen schweren Gewalttaten und Morde an Frauen vor einem Jahr ins Leben gerufen wurde, umfasst einiges mehr als die Gesprächsrunden, die es auch für Frauen gibt. Dass sich die Männer selten blicken lassen, entspricht aber einem Schema, wie Sandrieser am Donnerstag sagte: Männer machen um das Thema Gewalt gegen Frauen mitunter einen Bogen. Da sie Angst haben, als Gewalttäter hingestellt zu werden – oder das Gefühl haben, das gehe sie nichts an, wenn sie selbst nicht gewalttätig seien. „Aber Gewalt an Frauen ist ein Männerthema.“

Die Männer müssen mit ins Boot: Darauf drängte bei dem Termin anlässlich des Valentinstags, an dem Frauenorganisationen Gewalt in der Partnerschaft ins Blickfeld rücken, auch Maria Rösslhumer vom Verein Autonomer Frauenhäuser, die die Stop-Initiative leitet. „Wir brauchen Männer als Verbündete“, sagte sie. „Wir kommen nicht weiter, wenn wir zu wenig Unterstützung von Männern haben.“ Daher befasse man sich seit geraumer Zeit damit, wie man Männer dazu bewegen könne, sich an Prävention zu beteiligen.

Die ersten Wochen des Jahres würden schmerzlich zeigen, wie notwendig das sei, sagt Rösslhumer. Die Zahl, die sie nannte – vier Frauenmorde seit Jahresbeginn – wurde am Donnerstag von der Realität überholt, als in Tirol eine Frauenleiche gefunden wurde. Tatverdächtig: der Ehemann (siehe Artikel oben). 2019 wurden laut Rösslhumer 34 Frauen ermordet, im Jahr davor sogar 41. „Die Zahl der Femizide hat ein unerträgliches Ausmaß angenommen.“

Rösslhumer appellierte auch an die Politik. „Wir vermissen den Aufschrei. Wir sind empört.“ Zwar habe die neue Regierung dem Opfer- und Gewaltschutz in ihrem Regierungsprogramm einen gewissen Stellenwert eingeräumt. „Aber von einer Dringlichkeit der Umsetzung ist kaum etwas zu spüren.“ Man fordere die Regierung beinahe wöchentlich auf, die Istanbul-Konvention zur Prävention von Gewalt gegen Frauen zu implementieren. Dazu gehöre auch mehr Geld für die Prävention.

 

Beim Nachbarn anläuten

Für die Stop-Initiative – die in Margareten als Pilotprojekt für drei Jahre gestartet worden ist – hat man laut Rösslhumer im vergangenen Jahr zahlreiche Partnerorganisationen gefunden, die sich regelmäßig treffen. Man habe mit einem Fragebogen zum Thema an 1000 Türen geklopft, habe Gespräche in Parks geführt – und sei eben nach wie vor dabei, Nachbarn zu motivieren. „Ziel wäre, dass die Nachbarn geschult sind, um selbst mit ihren Nachbarn ins Gespräch zu kommen“, sagt sie.

Die Nachbarn sind jene, die den Opfern und Tätern am nächsten sind. Ein Klingeln kann manchmal Schlimmes verhindern, wie auch ein aktueller TV-Spot gegen Gewalt zeigt. „Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass Menschen auch zum Nachbarn gehen und sagen: ,Pass einmal auf, so geht das nicht‘“, sagt Sandrieser. Bernard Rasch, der die Stop-Männertische in Hamburg-Steilshoop koordiniert, sagt: „Es geht darum, dass das Thema Gewalt aus dem Privaten ins Öffentliche kommt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.02.2020)