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Juli Zehs „Unterleuten“ im TV: Ein Kampf gegen Windräder

Linda Franzen (Miriam Stein) und Gombrowski (Thomas Thieme) stehen auf verschiedenen Seiten.
Linda Franzen (Miriam Stein) und Gombrowski (Thomas Thieme) stehen auf verschiedenen Seiten.(c) ZDF/Erhard
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Die Gesellschaft, gespiegelt in einem dörflichen Mikrokosmos: Juli Zehs Bestseller wurde verfilmt und ist ab Montag im ZDF zu sehen.

Man tut dem fiktiven Dorf Unterleuten sicher nicht unrecht, wenn man es als Kaff bezeichnet. Es gibt dort keine Geschäfte, keine Kanalisation, fast keine Arbeit. Nur ein paar schlecht bezahlte Jobs beim Agrarunternehmer Gombrowski, einem grobschlächtigen Mann mit sehr zweifelhaften Geschäftspraktiken. Er hat das Sagen im Ort, er weiß, was passiert; und wenn er es einmal nicht weiß, tut er zumindest so. Etwa bei der Dorfversammlung, die am Beginn steht. Dabei wird ein Projekt vorgestellt, das dem Ort zumindest genug Geld bringen soll, um es an das Kanalnetz anschließen zu können: Windräder. Die geplanten 160 Meter hohen Ungetüme lassen aber zuallererst alte Wunden im Dorf aufbrechen, bringen frühere Gewalttaten ans Licht – und sorgen für neue.

Juli Zehs Roman „Unterleuten“ aus dem Jahr 2016 war ein Bestseller und eignet sich hervorragend für eine Verfilmung: die Idylle der Natur und das gar nicht idyllische Dorfleben, das Erbe aus der DDR, die vielen plastischen Charaktere. In Unterleuten sitzen alle mehr oder weniger an einem Tisch: Gewinner und Verlierer der Wende, Kapitalisten aus dem Westen, zugereiste Städter, Naturschützer. Regisseur Matti Geschonneck nimmt sich viel Zeit, um die Charaktere einzuführen. Um die Weite der Landschaft zu zeigen, das Korn, das sich im Wind wiegt, die Enge der Stuben, hinter deren Vorhängen alte, verbitterte Menschen andere beobachten. Im Zentrum stehen Gombrowski – intensiv gespielt von Thomas Thieme – und sein Widersacher Kron (Hermann Beyer), ein Kommunist. Viele unglückliche Menschen sieht man, etwa eine alleinstehende Frau mit unzähligen Katzen, ihrem Mann soll vor langer Zeit der Schädel eingeschlagen worden sein, weil er sich gegen Gombrowski aufgelehnt haben soll. Und doch besucht sie ihn immer wieder, leert ihre drei Piccolo-Flaschen Sekt mit ihm.

 

Brennende Autoreifen

Dass man so verschieden ist und sich doch nicht aus dem Weg gehen kann, ist vor allem für die Zugereisten ein Problem. Vogelschützer Fließ (wunderbar bitter: Ulrich Noethen) schwärmt davon, dass es in Unterleuten keinen Lärm, keinen Konsumterror gebe. Doch sein Paradies mit backsteinrotem Haus wird vom Nachbarn gestört. Er verbrennt Autoreifen. „Dieses Tier da drüben vergiftet meine Tochter“, sagt seine Frau. So ist das in Unterleuten: Mensch ist nur, wer ins Bild passt. Das Einzige, was alle gemeinsam haben, ist ihre Überzeugung, im Recht zu sein. Das Dorf als Mikrokosmos, der die Gesellschaft spiegelt: Das Konzept wird teilweise, aber nicht immer überzeugend umgesetzt. Manche Figuren bleiben platt.

Drehbuchautor Magnus Vattrodt war es wichtig, von diesem Rechthaben zu erzählen. Die Konflikte schwelen lange, bevor sie eskalieren. Für ungeduldige Zuseher vielleicht zu lange. „Ich weiß jetzt, warum die Leute Gewalt so toll finden: weil Gewalt funktioniert,“ sagt Vogelschützer Fließ. Tatsächlich scheint fast jede Schweinerei in diesem Dorf zu funktionieren. Bis zum (leider sehr unvermittelten) Ende.

„Unterleuten“. ZDF, 9., 11. und 12. März, 20:15, und sechs Monate lang in der ZDF-Mediathek.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.03.2020)