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„Gomorrha“-Autor zieht gegen Berlusconis „Knebelgesetz“ zu Felde

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(c) EPA (ALESSANDRO DI MEO)
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Seit vier Jahren lebt Roberto Saviano unter Polizeischutz. Nun tauchte er bei einer Demo in Rom auf. Mit der Veröffentlichung seines Buchs „Gomorrha“ 2006 erlangte der Autor Weltruhm und Kultstatus.

ROM. Der Mann sieht nicht aus wie ein üblicher Demonstrationsteilnehmer. Er ist sehr blass und wirkt winzig neben den fünf Carabinieri in Zivil, die ihn auf die Bühne eskortieren. Einen Moment herrscht atemlose Stille auf der Piazza Navona, dem barocken Prunkstück in der Innenstadt Roms. Manche können es nicht glauben, dass er gekommen ist an diesem heißen Sommerabend. Dann bricht Jubel los. „Ro-ber-to, Ro-ber-to!“, skandiert die Menge.

Roberto Saviano wirft die Arme in die Höhe, bedankt sich leise. „Für mich ist es nicht einfach, in der Öffentlichkeit zu reden, aber heute ist es notwendig.“ Notwendig sei es auch, die Privatsphäre zu schützen, gewiss. „Aber dieses Gesetz hat nur ein Ziel: zu verhindern, dass über die Macht erzählt wird.“ Wieder brandet Beifall auf.

In ganz Italien sind Journalisten, Staatsanwälte und ganz normale Bürger auf die Straße gegangen, um gegen jenes Gesetz zu demonstrieren, das nur noch „der Knebel“ heißt. Damit sollen nach dem Willen von Regierungschef Silvio Berlusconi künftig Telefonüberwachungen bei Ermittlungen eingeschränkt werden und Überwachungsmitschnitte nicht mehr von Medien veröffentlicht werden dürfen. Per Vertrauensfrage ließ es Berlusconi bereits durch den Senat peitschen. Nun muss es noch durch das Abgeordnetenhaus, und ob es das in der jetzigen Form schafft, ist fraglich. Von den neuen sozialen Bewegungen, die ihren Protest über Internet orchestrieren, bis hinauf zu Staatspräsident Giorgio Napolitano formiert sich der Widerstand.

Und nun ist also auch er wieder da, der 30-jährige Autor Saviano, der seit vier Jahren im Untergrund lebt, meist in Polizeikasernen, bewacht von seinen ständigen Begleitern. „Sie sind meine Familie geworden“, sagte er vor zwei Jahren zur „Presse“. Damals lachte er noch ein bisschen. Doch schon zu dieser Zeit konnte er sich nicht vorstellen, dass dieser Zustand jahrelang andauern könnte, und kündigte an, Italien zu verlassen. Er ist geblieben, bis heute.

 

Die „Todsünde“ des Autors

Mit der Veröffentlichung seines Buchs „Gomorrha“ 2006 erlangte der bis dahin selbst in Italien unbekannte blutjunge Autor Weltruhm und Kultstatus. In einer Mischung aus Reportage und literarischem Essay klagte Saviano die Machenschaften der Camorra, der örtlichen Mafia, an. Das hatten vor ihm schon viele getan, doch Saviano erreichte mit seinem Furor und seiner Verzweiflung ein Millionenpublikum. Und beging eine „Todsünde“: Er nannte Namen von Clan-Mitgliedern, die seither auf Rache sinnen, vor allem die vom Clan der Casalesi aus dem Hinterland von Neapel. Nach mehreren Morddrohungen sah sich der Staat außerstande, den jungen Journalisten zu schützen, es sei denn im Untergrund.

Nur selten wagt sich Roberto Saviano seither an die Öffentlichkeit. Derzeit tourt er mit seinem neuen Buch „La bellezza e l'inferno“ („Die Schönheit und die Hölle“), das im Herbst auf Deutsch erscheinen wird, zu Literaturfestivals in Italien. Und fühlt sich neuerdings noch gefährdeter, denn sein Heldenstatus hat Schaden genommen.

Dass Berlusconi ihm vorwirft, maßlos zu übertreiben und dem Ansehen Italiens zu schaden, überrascht ihn noch am wenigsten. Doch es ist eine eigentümliche Allianz, die zum Angriff gegen den „Moralisten“ bläst: es sind Fußballer und Rapper, linke Soziologen und rechte Moderatoren.

 

„Saviano geht mir auf die Nerven“

Die aus dem konservativen Lager eint der Vorwurf, der Autor sehe Italien immer nur schwarz, als Vorposten zur Hölle gewissermaßen. „Er geht mir auf die Nerven“, erklärte vor Kurzem Emilio Fede, Nachrichtenchef des Berlusconi-Fernsehsenders Rete4, vor Millionen von Zuschauern. Auch in Neapel mehren sich kritische Stimmen. Der Fußballer Marco Borriello tat das Buch schlicht als überflüssig ab, der linke Rapper Daniele Sepe warf Saviano gar Doppelmoral vor: „Du bist beschützt wie eine Rose im Gewächshaus, das System beschützt dich, die Wahrheit aber bleibt versteckt.“

Der Genueser Kultursoziologe Alessandro dal Lago beschuldigte Saviano in Buchform, mit Fakten zu schludern. Die Streitschrift wanderte prompt in die Bestsellerlisten, so wie „Gomorrha“ auch. Mittlerweile erscheint Savianos Buch in 52 Ländern und wurde millionenfach verkauft, ein glänzendes Geschäft für den Verlag Mondadori. Er gehört zum Medienreich Berlusconis.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.07.2010)