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Prognose

Genügend Betten bis April – und dann?

Österreich hat derzeit genügend Spitalsbetten, das Land könnte trotzdem an seine Grenzen geraten.
Österreich hat derzeit genügend Spitalsbetten, das Land könnte trotzdem an seine Grenzen geraten.APA/HELMUT FOHRINGER
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Österreich hat derzeit genügend Spitalsbetten, das Land könnte trotzdem an seine Grenzen geraten.

Wien. In Österreich gibt es derzeit 6001 Erkrankte und 42 Todesfälle aufgrund des Coronavirus. Das gab Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) am Donnerstagvormittag bekannt. Bei den Erkrankungen sei das eine Steigerung um 13,6 Prozent gegenüber dem Vortag. Das sei gut, aber nicht genug. „Wir müssen in einen einstelligen Wert kommen“ so Anschober erneut. Und: „Wir merken, dass die Maßnahmen zu wirken beginnen, aber wir sind noch nicht dort, wo wir sein müssen.“

Derzeit wird das Gesundheitswesen laufend ausgebaut. Es seien 547 Personen im Spital, 96 auf der Intensivstation. Bei 87 Prozent gebe es einen sehr milden Verlauf. Unterdessen hat Tirol die komplette Isolierung der Skiorte im Paznauntal vorerst bis 13. April verlängert.

Die Zahlen dürfen nicht täuschen. Derzeit hat Österreich mit rund 23.000 freien Spitalsbetten auf Normalstationen und rund 1100 freien Intensivbetten ausreichend Kapazitäten. Die Bettenkapazität werde laufend an die Prognosen angepasst, so Anschober. Es gebe auch 12.000 Betten in Sonderkliniken für milde Verläufe, 20.000 sind geplant.

Doch die Prognosen über die Entwicklung der Krankheitsfälle seien wie ein Wetterbericht, sagt Herwig Ostermann, Geschäftsführer der Gesundheit Österreich GmbH, in einer Pressekonferenz. Für fünf, zehn Tage könne man gut voraussagen, danach sei vieles offen. Demnach geht man – bei einer Schwankungsbreite von +/-15 Prozent – davon aus, dass 11.000 Menschen bis 3. April mit dem Virus infiziert, davon 8500 krank und 2500 genesen sind. Dafür seien die Krankenhäuser gut gerüstet. Gehe man davon aus, dass etwa drei Prozent aller positiv Getesteten auf die Intensivstation müssten, seien die Spitalreserven bei bis zu 30.000 bis 35.000 Covid-19-kranken Personen ausreichend. Und ein Seitenhieb: Die jahrelange Kritik, dass Österreich zu viele Spitalsbetten habe, erweise sich jetzt als unbegründet. Tatsächlich hat Österreich im OECD-Vergleich 5,5 Spitalsbetten pro 1000 Einwohner. Im Gegensatz zu Spanien und Italien, wo der Wert 2017 nur bei 2,5 pro Land lag.

 

Eine 50:50-Chance

Das heiße aber nicht, so Ostermann, „dass wir nicht an unsere Kapazitätsgrenzen stoßen können“. Denn ob Maßnahmen greifen, könne man aktuell noch nicht mit ausreichender Sicherheit bewerten. Es sei wichtig, dass sich die Ausbreitungskurve weiter verflache. Denn bleibe der Zeitraum der Verdoppelungen weiterhin konstant, „dann wären wir Mitte April an dem Punkt, dass die Intensivkapazitäten nicht mehr reichen.“ Man könne derzeit noch nicht sagen, ob man in 20 Tagen ein Sturmtief oder ein -hoch haben werde. „Es ist eine 50:50-Chance. Was ich aber mit einer relativ hohen Sicherheit sagen kann: Die nächsten zehn Tage sind wir noch in einer guten Balance.“

Auch Stefan Thurner vom Complexity Science Hub Vienna warnt eindringlich vor verfrühtem Aufheben der Coronavirus-Maßnahmen. Wenn man die Kurve der Todesfälle in Österreich derzeit um drei Wochen nach vorne zieht, „dann liegt sie genau auf der Kurve der Toten in Italien“, sagte er zur APA. Vom leichten Abflachen der Kurve dürfe man sich nicht zu optimistisch stimmen lassen. Die Verdoppelungszeit der nachgewiesenen Infektionsfälle habe sich zwar von zwei Tagen auf etwa vier Tage erhöht, sagte der Professor für die Wissenschaft Komplexer Systeme an der Medizinischen Universität Wien. Aber: „Es geht nach wie vor sehr, sehr schnell hinauf.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2020)