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Studie: Parallelgesellschaft beginnt an Schule

(c) Michaela Bruckberger
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Muslimische und nicht muslimische Schüler hegen die gleichen Vorurteile wie ihre Eltern: Österreicher leben sexuell ausschweifend, Migranten sind integrationsunwillig. Trotz der Gräben herrscht „Klima des Respekts“.

Wien (awe). „Die Studie ist für den internen Gebrauch und nicht zur Veröffentlichung bestimmt.“ Im Büro von Unterrichtsministerin Claudia Schmied ahnt man, welch Sprengstoff eine aktuelle Studie birgt, die die Lebenswelten muslimischer und nicht muslimischer Schüler in österreichischen Klassenzimmern abbildet. Details, so das Ministerium, werde man nicht bekannt geben. Dabei genügt ein Blick in die aktuelle Ausgabe der Fachzeitschrift „Erziehung & Unterricht“, wo eine (auf sechs Seiten verknappte) Zusammenfassung der Untersuchung tief blicken lässt.

 

„Alarmierender Befund“

Dort konstatiert die vom Ministerium beauftragte Studienleiterin Edit Schlaffer eine tiefe Kluft zwischen Schülern ohne und mit Migrationshintergrund (die meisten von ihnen Muslime). Ein – so heißt es wörtlich – „alarmierender Befund“ sei, dass es zwischen den beiden Gruppen (untersucht wurde die Altersgruppe der 14- bis 18-Jährigen) kaum Berührungspunkte gebe. Demnach sei das Leben von Schülern mit Migrationshintergrund so stark von den Bezugspunkten Familie, Religion und Ehre getrieben, dass sich ihr Leben zu Hause deutlich anders gestalte, als in der Gesellschaft um sie herum. Außerdem werde in den Familien daheim zu wenig deutsch gesprochen.

Das, so die insgesamt sieben Autoren der Untersuchung mit dem Titel „Zusammen Leben Lernen in der Schule“, führe zu einer frühen Ausbildung von Parallelgesellschaften. Die Wissenschaftler stellten fest, dass sich vor allem männliche Schüler mit Migrationshintergrund unter ihresgleichen besonders wohlfühlen und ihnen die „Gegenseite“ genau das zum Vorwurf macht.

Nicht ganz zu Unrecht. Nur 21 Prozent der Migranten können sich vorstellen, später eine/n Österreicher/in zu heiraten. Und das auch nur dann, wenn der künftige Partner zum Islam konvertiert.

Auch sonst pflegen beide Schülergruppen die gleichen Vorurteile wie ihre Eltern. Jene ohne Migrationshintergrund äußern „massive Vorurteile gegenüber Ausländern“, werfen diesen pauschal vor, zum Ausnutzen von Sozialleistungen nach Österreich gekommen zu sein. Muslime werden von ihnen mit Kopftuch, Großfamilien und aggressivem, machohaftem Verhalten assoziiert.

Die Gruppe der Migranten hingegen vertrete die Meinung, dass österreichische Schüler zu viel Alkohol trinken, nicht an Gott glauben und gegen den Islam sind. Burschen wird ein ausschweifendes und wenig tugendhaftes Sexualleben vorgeworfen, indem sie „jeden Abend ein anderes Mädchen mit nach Hause nehmen“.

 

Mädchen als Hoffnung?

Trotz der tiefen Gräben herrscht nach Angaben der Experten ein „Klima des gegenseitigen Respekts“. Vor allem die Migranten aus der eigenen Klasse gehören demnach meist „den Guten“ an.

Als möglichen Ansatzpunkt zum Überwinden der Grenzen nennen Schlaffer und ihr Team das stark ausgeprägte Bildungsstreben der muslimischen Schülerinnen. Die nämlich streben überproportional häufig Hochschulkarrieren an – die ihnen von der Familie dann meist verbaut werden. Die Experten fordern, Strategien zu entwickeln, den jungen Frauen eine akademische Laufbahn auf anderem Weg zu ermöglichen.

Eine weitere Gelegenheit, das gegenseitige Verständnis zu verbessern, seien schulische Aktivitäten außerhalb der Klasse (Exkursionen, etc.). Daran sollten tunlichst aber auch muslimische Mädchen teilnehmen, denen das von den Eltern häufig untersagt wird.

AUF EINEN BLICK

Die Studie „Zusammen Leben Lernen in der Schule“ stellt tiefe Gräben zwischen Schülern mit und ohne Migrationshintergrund fest. Als eines von vielen Problemen nennen die Autoren die Familien der Migranten, die wenig Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft pflegen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2010)