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Coronakrise

Historischer Rekord: 562.522 Arbeitslose in Österreich

Immer mehr Arbeit muss liegen bleiben.
Immer mehr Arbeit muss liegen bleiben.(c) imago images/Xinhua (Guo Chen via www.imago-images.de)
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Die Coronavirus-Pandemie hat die Arbeitslosenzahlen in Österreich auf den höchsten Stand seit 1946 nach oben schnellen lassen. Die März-Arbeitslosenrate liegt bei 12,2 Prozent.

Seit Mitte März steigt die Zahl der Arbeitslosen rasant, während die üblichen Arbeitsaufnahmen weitgehend ausbleiben. Ende März waren bereits 504.345 Personen beim Arbeitsmarktservice AMS arbeitslos vorgemerkt. Die Zahl der Arbeitslosen stieg um 65,7 Prozent bzw. 199.934 Personen im Vergleich zum Vorjahr. Inklusive der Personen in einer AMS-Schulung beträgt die Zahl der Vorgemerkten Ende März 562.522, das bedeutet einen Anstieg gegenüber dem Vorjahr um 193.543 bzw. 52,5 Prozent. In AMS-Schulung befinden sich aktuell 58.177 Personen (6391 bzw. 9,9 Prozent weniger als Ende März 2019).

"Der extreme Anstieg der Arbeitslosigkeit ist nicht nur eine enorme Herausforderung für die so vielen von Arbeitslosigkeit betroffenen Menschen und deren Familien, sondern stellt auch das AMS und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor einen noch nie dagewesene Belastungsprobe", kommentierte AMS-Vorstand Johannes Kopf die aktuellen Zahlen. Mit dem aktuellen Anstieg sind die Arbeitslosenzahlen erstmals seit Anfang 2017 wieder gestiegen.

Tourismus am stärksten betroffen

Die Zuströme in Arbeitslosigkeit erfolgten vor allem aus dem Bereich Tourismus, wo die Saison Mitte März mit den Schließungen der Betriebe praktisch beendet wurde. Doch auch in vielen anderen Wirtschaftsbereichen gibt es tiefgehende Einschränkungen, wie im Einzelhandel oder im Transport. Auch im Produktionsbereich werden Fertigungen zurückgefahren. Nach dem Tourismus folgen somit die Bauwirtschaft, der Handel sowie die Arbeitskräfteüberlassung als am stärksten betroffene Branchen.

Die Arbeitslosenquote nach nationaler Definition liegt bei geschätzten 12,2 Prozent , das ist ein Anstieg von 4,7 Prozentpunkten gegenüber dem März 2019. Die Arbeitslosenquote nach internationaler Erhebungsmethode gemäß Eurostat liegt für Februar 2020 bei 4,4 Prozent. In dieser Kennziffer ist somit die Entwicklung im März noch nicht abgebildet und auch der europäische Vergleich ist erst mit der Eurostat-Veröffentlichung der Quoten für die anderen Staaten um 11 Uhr möglich.

Menschen mit Behinderungen (+16,2 Prozent) sowie Ältere ab 50 Jahren (+47,4 Prozent) weisen im Vergleich zum Vorjahr eine unterdurchschnittlich ansteigende Arbeitslosigkeit auf. Der Anteil der Arbeitslosen mit einer Wiedereinstellzusage im Register steigt auf 20,1 Prozent.

In der Betrachtung nach Branchen zeigen sich Ende März die größten Zuwächse in der registrierten Arbeitslosigkeit im Tourismus (+167,1 Prozent), gefolgt von der Baubranche (+103,5%). Dann folgen die Warenproduktion mit +41,6 Prozent Arbeitslosigkeit und die Arbeitskräfteüberlassung (+40,1 Prozent). Aber auch im Gesundheits- und Sozialwesen ist die Arbeitslosigkeit mit +28,9 Prozent ansteigend.

Größter Zuwachs in Tirol

Steigende Arbeitslosigkeit gegenüber dem Vorjahr verzeichnen alle Bundesländer, am stärksten ist der Zuwachs in Tirol (+199 Prozent) und Salzburg (+138,5 Prozent). Danach folgen die Steiermark (+90,9 Prozent), Vorarlberg (+79,1 Prozent), Oberösterreich (71,0%), Kärnten (+67,6 Prozent), Burgenland (+61,5 Prozent) und Niederösterreich (+50,7 Prozent). In Wien steigt die Arbeitslosigkeit um +38,9 Prozent.

Ende März 2020 standen beim AMS 60.722 sofort verfügbare offene Stellen (-15.699, -20,5 Prozent) zur Verfügung. Insgesamt konnten 2020 bereits 157.784 Personen aus AMS-Vormerkung heraus wieder eine Arbeit aufnehmen. Die Arbeitsaufnahmen aus AMS-Vormerkungen reduzierten sich in der zweiten Märzhälfte jedoch deutlich.

Geschätzte 3,626 Millionen Personen, das sind mindestens 150.000 weniger als im März 2019, befanden sich Ende März 2020 in unselbständigen Beschäftigungsverhältnissen.

ÖGB fordert höheres Arbeitslosengeld

ÖGB-Chef Wolfgang Katzian hat seine am Sonntag gestellte Forderung nach einer Erhöhung des Arbeitslosengelds angesichts der aktuellen Arbeitslosenzahlen konkretisiert. "Es wäre daher jetzt ein guter Zeitpunkt, um das Arbeitslosengeld auf 70 Prozent Nettoersatzrate zu erhöhen", so der ÖGB-Präsident am Mittwoch in einer Aussendung.

In Österreich sei das Arbeitslosengeld im Verhältnis zum letzten Nettoeinkommen mit 55 Prozent relativ niedrig. "Arbeitslose Menschen sind jetzt und waren auch vor der Corona-Krise stark armutsgefährdet", so der Spitzengewerkschafter. Ein höheres Arbeitslosengeld würde nicht nur Menschen ohne Arbeit vor einem wirtschaftlichen Totalabsturz bewahren, auch für die Gesamtwirtschaft würde das mehr Kaufkraft bedeuten und den wirtschaftlichen Einbruch abschwächen.

Das Arbeitsmarktservice zieht zur Berechnung des Arbeitslosengelds den Brutto-Wert der Jahresbeitrags-Grundlage heran, maximal die Höchstbeitrags-Grundlage laut ASVG von brutto 5370 Euro pro Monat. Davon werden dann Sozialabgaben und Einkommenssteuer abgezogen. Der Grundbetrag des Arbeitslosengeldes beläuft sich dann auf 55 Prozent des errechneten Netto-Einkommens - umgerechnet auf Tage.

Erneut appellierte der ÖGB-Präsident an die Arbeitgeber, das Coronavirus-Kurzarbeitsmodell in Anspruch zu nehmen, anstatt die Beschäftigten zu kündigen. "Entscheidend ist, dass die Kurzarbeit nun tatsächlich rasch, pragmatisch und unbürokratisch abgewickelt wird", so der Generalsekretär der Industriellenvereinigung, Christoph Neumayer, in einer Aussendung. Ebenso sollten die angekündigten zusätzlichen Maßnahmen zur Virus-Eindämmung praktikabel und mit Augenmaß umgesetzt werden.