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Coronakrise ließ Ungleichheit in Österreich erstaunlich schnell wachsen

"Wer schon vor der Krise wenig Geld hatte, hat jetzt noch weniger", fasste Politologin Barbara Prainsack von der Uni Wien zusammen. Auch die solidarische Stimmung sei gekippt.

Die Coronakrise hat die Ungleichheit in Österreichs Gesellschaft erstaunlich schnell wachsen lassen, zeigen Daten des Austrian Corona Panel Projects, einer in regelmäßigen Abständen durchgeführten Online-Befragung. "Wer schon vor der Krise wenig Geld hatte, hat jetzt noch weniger", fasste Politologin Barbara Prainsack von der Uni Wien bei einer "Wiener Vorlesung" am Donnerstagabend zusammen.

Das habe sich bereits nach zwei, drei Wochen in den Daten niedergeschlagen. Betroffen seien vor allem Alleinerziehende, Menschen mit geringer formaler Bildung oder mit Migrationshintergrund. So hat etwa jeder siebente, der maximal einen Pflichtschulabschluss gemacht hat, im ersten Monat der Krise seinen Job verloren.

Zunahme existenzieller Ängste

Vor allem Arbeitslose und Mindestsicherungsbezieher berichten in der Studie von einer Zunahme existenzieller Ängste. Menschen, die sich als stark einsam beschreiben, greifen demnach in der Krise besonders häufig zu Alkohol. "Die Coronakrise macht die Menschen ungleicher, aber die Ausstattung war schon davor ungleich", so Prainsack. Diese strukturellen Probleme anzugehen, ist für sie nicht nur eine Chance, sondern eine Pflicht.

Prainsack, die derzeit an zwei Studien zu den Auswirkungen der Coronakrise beteiligt ist, hat sich auch mit der viel zitierten angeblichen Zunahme der Solidarität in der Gesellschaft beschäftigt. Wie erste Ergebnisse zeigen, hat die Coronakrise tatsächlich zu mehr solidarischem Verhalten geführt: Menschen, die sich selbst durch das Coronavirus nicht gefährdet sehen, bleiben zum Schutz der Risikogruppe daheim.

Solidarische Stimmung schnell gekippt

Gleichzeitig würden Studienteilnehmer über andere Menschen oder Gruppen klagen, deren Verhalten als rücksichtslos empfunden wird. Vor allem ältere Menschen könnten als Folge der Coronakrise zu Feindbildern werden, fürchtet Prainsack, weil sie als Risikogruppe porträtiert würden, die nun alle schützen müssen. Man solle nicht das Wohlbefinden der Jungen für das Wohlbefinden der Alten opfern, zitiert sie aus den Antworten der Studie. "Wieso schränke ich mich ein und die Pensionisten gehen joggen?" habe es da auch geheißen.

Sie sei erstaunt gewesen, wie schnell hier die Solidarität gekippt sei, betonte Prainsack, die Parallelen zum Umschlagen der Stimmung gegenüber Flüchtlingen im Jahr 2015 sieht. "Es kommen in den Daten beider Studien die Unterschiede in den Vordergrund und die Menschen betonen stärker, was sie in ihren Eigenschaften und ihrem Verhalten von den anderen unterscheidet."

Gleichzeitig gebe es in der Studie viele Berichte von älteren Menschen oder Menschen mit Vorerkrankungen, die nach objektiven Kriterien zu einer Risikogruppe gehören, das aber negieren. Familienmitglieder berichten auch, dass ältere Menschen zum Beweis, dass sie nicht zur Risikogruppe gehören, zu Beginn der Krise riskante Dinge getan hätten - etwa noch schnell zum Skifahren nach Tirol gefahren seien. "Das deutet auf etwas hin, das wir auch in unseren Daten sehen: Es ist mit Stigma und auch mit Scham behaftet, zur Risikogruppe zu gehören." Das bedeute nämlich, dass andere für einen Opfer bringen müssten, was in vielen Menschen Schuldgefühle auslöse."Ich glaube wir müssen sehr vorsichtig damit umgehen, wie wir Risikogruppen kommunizieren und wie wir darüber sprechen."

(APA)