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Halbleiter

Baut Intel bald keine Chips mehr?

Intel-Chef Bob Swan will mit der Tradition des Konzerns brechen.
Intel-Chef Bob Swan will mit der Tradition des Konzerns brechen.REUTERS
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Der weltgrößte Computerchip-Hersteller musste zu viele Rückschläge verkraften. Intel-Chef Bob Swan scheint bereit für einen radikalen Schritt: das Ende der Chip-Produktion.

Wien.Mehr als ein halbes Jahrhundert lang war Intel auf dem Markt für Computerchips das Maß aller Dinge. Noch heute ist der amerikanische Halbleiterproduzent der große Platzhirsch der Branche. Doch sein Vorsprung schwindet rapide. Um das zu ändern, scheint Intel-Chef Bob Swan bereit, einen Schritt zu gehen, der bis vor Kurzem noch völlig undenkbar gewesen wäre.

Erstmals in der 52-jährigen Geschichte des Unternehmens denkt das Management lautstark darüber nach, sich von der Chipproduktion zu trennen und die Prozessoren künftig nur noch zu designen. Dieser mögliche Schwenk der Strategie kommt nicht aus heiterem Himmel. In den vergangenen Monaten (und Jahren) häuften sich die schlechten Nachrichten bei Intel auffällig: Erst vor einem Monat verkündete etwa Apple, in Hinkunft seine eigenen Halbleiter statt Intel-Chips in den Apple-Laptops verbauen zu wollen. Auch andere Großkunden wie etwa Amazon bestücken ihre Serverfarmen mittlerweile lieber mit Produkten der Konkurrenz. Vor einigen Wochen verlor das Unternehmen zudem seinen Startechnologen Jim Keller. In der Nacht auf Freitag folgte der jüngste Rückschlag: Das Unternehmen musste einräumen, dass es in der Entwicklung der neuesten Chip-Generation um sechs Monate hinter Plan liege. Die Sieben-Nanometer-Chips würden Ende 2022 auf den Markt kommen.

 

Verzögerungen häufen sich

Dass Intel eigentlich gerade gute Quartalszahlen mit einem Umsatzplus von zwanzig Prozent (auf 19,7 Milliarden Dollar) gegenüber dem Vorjahr gelegt hatte, interessierte niemanden mehr. Die Intel-Papiere stürzten vorbörslich um weit mehr als zehn Prozent ab.

Treue Intel-Aktionäre kennen das Spiel bereits. Schon 2018 verschätzte sich der Konzern bei der Entwicklung der Zehn-Nanometer-Chips gehörig und verschleppte die Markteinführung lang. Der taiwanesische Auftragsfertiger Taiwan Semiconductor Manufacturing Co. (TSMC) nutzte die Zeit, um Intel qualitativ bei der reinen Produktion von Halbleitern zu überflügeln. Davon profitierte wiederum Intels schärfster Rivale, Advanced Microsystem Devices (AMD). Ähnlich wie Branchenkollege Nvidia designt AMD seine Prozessoren zwar selbst, bezahlt aber TSMC dafür, sie herzustellen. In dieser Kombination konnten die beiden Intel-Konkurrenten rasch bessere und stromsparendere Prozessoren auf den Markt bringen und dem Platzhirschen Marktanteile abringen. Die Gefahr, dass das Pendel weiter in Richtung der Intel-Herausforderer ausschlägt, wenn sich auch die nächste Chip-Generation verzögert, ist entsprechend hoch.

 

Widerstand ist programmiert

Insofern erscheint es nur logisch, wenn Bob Swan nun endlich dem Trend der Branche folgen und die Produktion zumindest teilweise an die Spezialisten in Taiwan auslagern will. Doch er steht noch vor zwei nicht zu unterschätzenden Hürden: Erstens ist TSMC gut ausgelastet und wird womöglich nicht freimütig Kapazitäten freimachen, um dem Rivalen seiner bisherigen Stammkundschaft einen Gefallen zu tun. Zweitens müsste der frühere Finanzchef den Kurswechsel auch innerhalb des Konzerns gut verkaufen. All seine Vorgänger lobten die hauseigene Produktion in den höchsten Tönen und gaben jährlich Milliarden aus, um die Fabriken auf dem neuesten Stand zu halten. Kurz nach Swans Ankündigung folgten bereits erste Warnungen, Intel werde den Anschluss verlieren, wenn es Auftragsfertiger ins Boot hole. Auch der Personalstand des Konzerns dürfte nach diesem Schritt sinken. Widerstand ist also programmiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2020)