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Salzburg

Trotz NS-Vorwürfen: Logo der Festspiele bleibt

Designhistorikerin Anita Kern und Historiker Oliver Rathkolb bei der Präsentation ihrer Gutachten.
Designhistorikerin Anita Kern und Historiker Oliver Rathkolb bei der Präsentation ihrer Gutachten.APA/Georg Hochmuth
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Wegen des späteren NS-Engagements der Grafikerin Leopoldine Wojtek wurde das Emblem der Festspiele kritisiert. Diese präsentierten nun zwei Gutachten dazu. Demnach war Wojtek "proaktiv" im NS-Regime, ihr Logo hat jedoch nichts mit Nazi-Ästhetik zu tun.

Die Malerin und Grafikerin Leopoldine („Poldi“) Wojtek, geboren 1903 in Brünn, gestorben 1978 in Salzburg, hat den Salzburger Festspielen deren bis heute verwendetes Logo – zunächst gezeichnet für ein Plakat 1928 – hinterlassen. Damit aber auch ihre problematische Biografie. Denn Wojtek biederte sich ein paar Jahre nach ihrem Festspielplakat den Nazis an, illustrierte etwa schon 1936, als in Österreich noch der Ständestaat herrschte, ein Propaganda-Kinderbuch über die Karriere Adolf Hitlers vom „kleinen armen Jungen“ zum „Führer Deutschlands“.

Diese üble Vergangenheit kam im Zuge der Vorbereitungen auf das 100-Jahr-Jubiläum der Salzburger Festspiele wieder ans Licht, und die Frage schien sich aufzudrängen: Muss das Logo weg?

Nein, sagte Präsidentin Helga Rabl-Stadler bei einer Präsentation im Wiener MAK am Mittwoch: „Es ist ein sehr gutes, zeitloses Logo.“ Das keine Verbindung zur NS-Ideologie oder -Ästhetik hat. Es wurde auch von den Nazis bereits 1938 ausgetauscht – gegen eine heldisch anmutende Darstellung Mozarts als nackter Apoll. 1945 kam Wojteks Logo wieder. Auch das berichtet Designhistorikerin Anita Kern in einer von den Festspielen beauftragten Studie.

„Forcierte Arisierung“ eines Hauses

Wojtek sei in den 1920er-Jahren „grafisch und zeichnerisch auf der Höhe der Zeit“ gewesen, heißt es darin. Das habe sich geändert. „Je politischer die Aufträge wurden, desto mehr büßte sie von ihrer gestalterischen Frische ein, und desto konservativer und auch ungelenker wurden ihre Zeichnungen.“ Bis hin zu einem plump naturalistischen Reichsadler, entworfen für das Ärztehaus in Linz. Wojtek sei aber nicht „vereinnahmt“ oder „instrumentalisiert“ worden, erklärt Kern, sie habe „proaktiv“ für den NS-Staat agiert, „bis hin zur forcierten Arisierung des Hauses der jüdischen Künstlerin Helene von Taussig im eigenen Interesse“.

Darüber steht mehr in der zweiten Studie, die die Festspiele am Mittwoch präsentierten, in Form eines Büchleins, das wie alle Publikationen der Festspiele das Wojtek-Logo trägt. Historiker Oliver Rathkolb hat Leben und familiäres Umfeld von Wojtek untersucht, deren Vater attestiert er „sehr deutsch-nationale Sozialisation“. Doch der „Schlüssel“ für Wojteks NS-Nähe sei wohl ihr Mann, der Kunsthistoriker Kajetan Mühlmann, der vom PR-Agent der Salzburger Festspiele zum SS-Offizier und zu einem der größten Kunsträuber des NS-Regimes wurde.

Offenbar nie Parteimitglied

Die Ehe Wojteks mit Mühlmann wurde 1943 geschieden; das „arisierte“ Salzburger Haus verließ sie im Sommer 1945 auf Aufforderung der US-Militärregierung. Parteimitglied war sie offenbar nie geworden. Ihr neuer Lebensgefährte wurde der Maler Karl Schatzer, der, so Rathkolb, „nach der Zerschlagung des NS-Regimes im Umfeld der kommunistisch instrumentalisierten Österreichischen Friedensbewegung agierte“.

„Wojtek war – frei nach dem Humanisten Ulrich von Hutten – ein ,Mensch in seinem Widerspruch‘“, fasst Rathkolb zusammen: „Wir müssen lernen, dass Künstler und Künstlerinnen trotz ihrer außergewöhnlichen Fähigkeiten und ihrer Begabung, Emotionen in uns anzusprechen, letztlich keine perfekten Genies sind. Auch sie sind Menschen mit vielfältigen Schwächen, die sich nur selten gegen politisch Mächtige in einer totalitären Diktatur stellen.“ Wojtek habe „überdies ohne jede Scham persönliche Vorteile aus ihren politischen Beziehungsnetzwerken gezogen – bis hin zur hemmungslosen Bereicherung am Eigentum von Jüdinnen und Juden.“

Der Sieger zeichnete später die Reblaus

Wie sich das politische Engagement von Künstlern wandeln kann, illustriert ein Fund Rathkolbs: Dass sich der Plakatentwurf Wojteks 1928 durchsetzte, verdankte sich wohl einer subtilen Intervention, wahrscheinlich durch ihren späteren Mann. Zunächst hatte die Jury – in der entgegen einer verbreiteten Legende nicht Max Reinhardt saß – den Sieg dem Prager Grafiker Hanns Köhler zugesprochen. Aus ihm wurde später ein politischer Karikaturist für die Nazis, nach 1949 arbeitete er in der Bundesrepublik Deutschland weiter. Von ihm stammt aber auch eine ikonische Karikatur der österreichischen Geschichte: die Darstellung vom Zither spielenden Leopold Figl, der seinem Kanzler weinselig zuruft: „Jetzt, Raab – jetzt noch d' Reblaus, dann sans waach!“ Ob auch ein Logo aus seiner Hand heute umstritten wäre?

Die Aufarbeitung ist für die Salzburger Festspiele jedenfalls nicht beendet: Das Symposion über Wojtek und ihr Logo, das 2020 wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden musste, soll im Sommer 2021 stattfinden. „Vergangenheit lässt sich nicht bewältigen“, hält Intendant Markus Hinterhäuser fest: „Wir haben offen, aufrichtig und ehrlich damit umzugehen.“