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Kolumne

Adieu, Merkur, Friends waren wir längst nicht mehr

++ THEMENBILD ++ SUPERMARKTKETTE MERKUR
APA/HELMUT FOHRINGER
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Der Merkur-Markt brachte ganz verschiedene gesellschaftliche Schichten dort zusammen, wo letztlich alle gleich sind: an der Supermarktkasse. Über das Verschwinden einer Marke, der es gelungen war, den Alltagseinkauf mit einem Hauch von Luxus aufzuladen.

Wenn meine Großmutter von der Familie für ihren Sonntagsbraten gelobt wurde, nahm sie das Lob zufrieden zur Kenntnis, kratzte den letzten Rest aus der Schüssel, klatschte ihn ungefragt auf meinen Teller und sagte dann nach einer kurzen Pause: „Und das Fleisch habe ich vom Merkur-Markt.“ Diese Pointe verschaffte ihr gleich doppelte Genugtuung: Sie überraschte alle Anwesenden in einer Zeit, in der man Fleisch natürlich nur beim Fleischhauer des Vertrauens besorgte, und sie transportierte gleich mit, dass sie gespart hatte, ganz ohne Einbußen bei der Qualität hinzunehmen, was einem Zaubertrick gleich kam.

Frisches Fleisch, auf Wunsch auch extra zugeschnitten, war nur eine der Besonderheiten, mit denen sich der Merkur von herkömmlichen Supermärkten abzuheben versuchte. Ging es sonst beim Einkaufen in großen Hallen zwischen langen Regalen lange nur um Menge und Preis - auch zu dem Preis, dass die Waren zum Teil nicht einmal mehr aus den Großlieferungen ausgepackt, sondern so wie sie waren hingestellt und abverkauft wurden -, versprach die nach dem römischen Gott des Handels (und der Diebe, die aber Ano Nym konsequent abschreckte) benannte Kette Marktatmosphäre. Neben der Fleischabteilung eben auch mit Obst- und Gemüsebereichen, die an klassische Standeln auf Grünmärkten erinnerten. Ein Konzept, das sich längst quer durch die Branche durchgesetzt hat.

Die Stärke des Merkur war es, die oft so öde, übel beleumundete, mit Widerwillen ausgeführte Tätigkeit des Alltagseinkaufs mit einem Hauch von Luxus aufzuladen. Auch wenn man letztlich nur mit den drei Litern Milch, dem Becher Joghurt, der Butter und den Eiern nach Hause marschierte, war man doch an einem Stand mit frischen Meerstieren auf Crush-Eis vorbeispaziert, hatte dort, wo andere nur die Schokolade mit der lila Kuh in Vollmilch und Ganznuss anzubieten hatten, ganze Spaliere von Lindt-Tafeln, Keksen und Bonbonnieren abgeschritten und konnte in der Spirituosenabteilung auch Flaschen jenseits der 80 Euro-Marke kurz einmal in die Hand nehmen.

An der Supermarktkasse, dort wo wir wie auf Hoher See und vor Gericht alle gleich sind, waren dann in den Einkaufswägen doch große Unterschiede zu bemerken. Neben den mit Eigenmarken, Sonderangeboten und Rabattmarken beklebten Großeinkäufen, die ganze Familien eine Woche lang zu sättigen vermochten, fanden sich zum gleichen Gesamtpreis im Wagen nebenan nur zehn ausgesuchte Waren aus der teuren Ecke des Marktes, die wohl noch am gleichen Abend verzehrt werden würden. Obwohl es im Merkur-Markt auch möglich war, Seife, Batterien oder eine Pfanne zu kaufen, war dieses Angebot immer nur zur Ergänzung der Hauptsache gedacht: der riesigen Auswahl an Lebensmitteln.

Nachdem die etwas absurde Werbefigur des Mr. Ano Nym schon vor ein paar Jahren ins Reich der Schatten übersiedelt ist, wurde kurz vor der Pandemie auch noch der Treueklub „Friends of Merkur“ liquidiert und durch den der Marke widersprechenden Jö-Club ersetzt. Damals hätte man schon ahnen können, dass Merkur dasselbe Schicksal wie schon Konsum, Meinl und Zielpunkt ereilen würde.

Heute gab die Merkur-Mutter Rewe also bekannt, der Merkur wird aus Kostengründen künftig Billa Plus heißen. Meine Großmutter muss das nicht mehr erleben. Für viele andere wird der Einkaufsalltag wieder eine Spur trister werden.