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Analyse

Deutschland, Europas erschöpfter Riese

Der Appell für mehr Homeoffice sorgt auch im Bankenviertel in Frankfurt für immer noch ungewohnte Ruhe.
Der Appell für mehr Homeoffice sorgt auch im Bankenviertel in Frankfurt für immer noch ungewohnte Ruhe.REUTERS
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Die Corona-Infektionszahlen sinken, aber die Zufriedenheit mit dem Krisenmanagement der Regierung geht auch zurück. Der schleppende Impfstart und das Versagen in Alten- und Pflegeheimen trüben die Zwischenbilanz des einstigen Musterschülers.

Der Impf-Gipfel im deutschen Kanzleramt war noch nicht zu Ende, da schmähten Kritiker die Konferenz von Politikern und Pharmabranche als substanzlose Show. Den Deutschen, so der Vorwurf, sollte eine „Beruhigungspille“, ja ein „Placebo“ verabreicht werden. Denn die Republik ist wegen des schleppenden Impfstarts nervös. Und sie ist erschöpft. Fast die Hälfte der Bürger gibt an, dass sie die Corona-Auflagen stark belastet. Tendenz steigend. Und inzwischen sind 54 Prozent, mit dem Krisenmanagement „weniger“ oder „nicht“ zufrieden, wie kürzlich eine Umfrage für die ARD ergab.

Lange beruhigte die Deutschen der internationale Vergleich. Diesmal nicht. Die Brexit-Briten und die USA sind beim Impfen davongezogen. Europas größte Volkswirtschaft hechelt hinterher. Und das, obwohl der erste dort zugelassene Impfstoff „Made in Germany“ ist. Das schmerzt. Und es trübt die Zwischenbilanz. Deutschland war nicht gut, aber besser als andere, auch als Österreich durch den Herbst gekommen. Auch, weil die Bundesrepublik rechtzeitig auf die Bremse trat und Österreich nicht.
Die beiden Nachbarn hatten Anfang November einen sanften Lockdown verhängt. In Deutschland lag die Zahl der Corona-Fälle damals bei 194 pro eine Million Einwohner und Tag, in Österreich bei 509. 14 Tage später stand Österreich bei 789 und Deutschland bei 218. Das Beispiel zeigt dramatisch: Wer zu spät bremst, verliert Menschenleben und Wirtschaftskraft. Österreich musste in einen harten Lockdown, Deutschland ließ Schulen und Handel noch bis Mitte Dezember offen.

Und die deutsche Wirtschaft schrumpfte 2020 zwar um geschätzte fünf Prozent, aber eben auch nicht zweistellig wie etwa in Spanien. Viel Steuergeld, Kurzarbeit und die Erholung Chinas halfen, genauso wie eine geringere Abhängigkeit vom Tourismus. Mit voller Kraft wird die deutsche Lokomotive aber auch 2021 nicht losfahren. Die Regierung korrigierte ihre Wachstumsprognose von 4,4 auf 3 Prozent. Und der harte Lockdown wird bis 14. Februar fortgesetzt.

(c) Die Presse

Disziplinierte Deutsche?

Zuletzt gelang es zwar, die 7-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner auf 90 und damit etwas tiefer als in Österreich (104) zu drücken (Zielwert unter 50). Wer sich umhört, erhält als Erklärung auch die Vermutung, die Deutschen seien schlicht „disziplinierter“ oder, weniger freundlich, „obrigkeitshöriger“. Aber trotz ähnlicher Infektionszahlen zählte Deutschland im Jänner mehr Todesopfer als Österreich. Eine mögliche Erklärung führt in die Alten- und Pflegeheime. Das Robert-Koch-Institut publiziert zwar Zahlen zu den Todesopfern dort, hält sie aber selbst für zu niedrig, wie es sinngemäß gegenüber „Der Presse“ heißt.

Interessanter ist, was die Länder vermelden: In Berlin wohnten fast zwei Drittel der Corona-Toten im Alten- oder Pflegeheim. In Bayern war es rund die Hälfte, in Nordrhein-Westfalen auch. In Österreich war zuletzt von 43 Prozent die Rede. „Wir haben noch keine flächendeckende überzeugende Strategie für Pflegeheime“, klagte im Herbst ein Redner im Bundestag. Es war CDU-Fraktionschef Ralph Brinkhaus.

Eine Zulassung für Antigen-Selbsttests gibt es auch noch nicht, sie ist in Arbeit. Es sei ihm „unerklärlich“, sagte Grünen-Chef Robert Habeck, dass Deutschland noch immer keine Selbsttests erlaube, während sie in Österreich „billig, schnell und in großen Massen durchgeführt werden können“.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) erneuerte indes ein Versprechen: Bis 21. September soll jeder Deutsche ein Impfangebot erhalten. Ihr Nachfolger als Union-Kanzlerkandidat wird hoffen, dass das gelingt. Kurz darauf, am 26. September, ist Bundestagswahl.