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Wort der Woche

Wann impfen?

In armen Weltregionen müssen die Menschen noch jahrelang auf eine Corona-Impfung warten. In reichen Staaten werden indes Haustiere getestet und vielleicht bald geimpft.

Die südkoreanische Hauptstadt Seoul, so war dieser Tage zu lesen, bietet nun kostenlose SARS-CoV-2-Tests für Hunde und Katzen an. Zwar gibt es keinen schlagenden Beweis, dass vierbeinige Virenträger schwer erkranken und für Menschen gefährlich sind. Doch einzelne Verdachtsfälle machen offenbar Sorge. In Russland geht man noch einen Schritt weiter: Dort wird laut Medienberichten derzeit eine Corona-Impfung für Haustiere entwickelt.

Ja, natürlich ist Vorsicht gut. Aber.

Der „Economist“ veröffentlichte diese Woche eine Abschätzung, wann die Menschen in welchen Ländern in den Genuss einer Corona-Schutzimpfung kommen werden: Während hierzulande hitzig darüber diskutiert wird, ob wir 2021 ein paar Wochen früher oder später geimpft werden, so ist eine Durchimpfung in praktisch allen afrikanischen Ländern frühestens im Jahr 2023, eher erst 2024 realistisch. Das bedeutet, dass über diese Länder noch jahrelang Coronawellen rollen werden – wohingegen bei uns mit einem baldigen Abebben der Infektionszahlen zu rechnen ist. Diese Länder werden daher noch lang nicht zur Ruhe kommen, die Wirtschaft wird sich nicht so bald erholen, Armut und Hunger werden sich ausbreiten. Ein ökonomisches „long covid“ nennen das die Experten der Economist Intelligence Unit.

Wie hart die Coronakrise die Menschen in armen Weltregionen jetzt schon trifft, zeigte kürzlich ein internationales Forscherkollektiv um Ahmed Mobarak (Yale University), das rund 30.000 Menschen in neun der ärmsten Länder in Afrika, Asien und Südamerika telefonisch befragt hat. Demnach erlitten im Schnitt 70 Prozent der Haushalte durch die Krise Einkommensverluste, 30 Prozent berichten von einem Rückgang der Beschäftigung, und 45 Prozent haben ernsthafte Probleme bei der Versorgung mit Lebensmitteln (Science Advances, 5. 2.).Diese Zahlen sind wesentlich dramatischer, als offizielle Statistiken vermuten lassen – was sich daraus erklärt, dass in diesen Ländern viele Menschen im sogenannten „informellen Sektor“ arbeiten.

Die Studienautoren warnen, dass Kinder die Hauptleidtragenden einer nicht enden wollenden Coronakrise sein werden: Die Kombination aus länger andauernder Unterernährung, geschlossenen Schulen und schlechter medizinischer Versorgung schade den Menschen dauerhaft – und in der Folge der ganzen Gesellschaft und Volkswirtschaft.

Welch ein Kontrast zu unserer Lebenswelt, in der wir Heimtiere Corona-testen und -impfen. ⫻


Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Wissenschaftskommunikator am AIT.

meinung@diepresse.com

diepresse.com/wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.02.2021)