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„Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“: Im Heroin-Berlin von vorgestern

´Wir Kinder vom Bahnhof Zoo´ (WKBZ)
Ab 19. Februar auf Amazon Prime: Die Geschichte der Christiane F. als Serie.(c) Amazon/Mike Kraus/Soap Images
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Die Drogen-Obsession der Siebzigerjahre-Popkultur wiederzubeleben - das versucht „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ auf Amazon Prime. Wenn es gelingt, dann dank der Schauspieler.

Von Haschisch über LSD und Valium zum Heroin, vom bunten Rausch ins graue Elend: Das junge Leben als Drogenkarriere, dieser dunkel-romantische, nicht zufällig an die Idee eines Teufelspakts angelehnte Topos, ausgeschrieben in zahlreichen Musikerbiografien, hat die Popkultur der Siebzigerjahre in einem heute unvorstellbaren Ausmaß geprägt. Emphatisch hat der selbsternannte Hip-Intellektuelle Diedrich Diederichsen diese Obsession noch 1985 in „Sexbeat“ formuliert: „Die Versprechen von Glück, Euphorie, auch großer Verzweiflung, echter Selbstmord-Laune, auch großartiger Gleichgültigkeit, Post-coital-joint-ennui, waghalsiger Verwahrlosung, Dekadenz von Huysmannschen Dimensionen, die von der Pop-Musik in die Welt gesetzt werden, lösen nur die Drogen ein.“

Solches würde heute niemand mehr ernsthaft sagen. Die Drogen sind unbedeutender geworden, der Mythos ist verblasst. „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, die redigierte und kommentierte Autobiografie eines drogensüchtigen Mädchens, 1978 vom Magazin „Stern“ herausgebracht, hat ihn einmal noch grell beleuchtet – und damit neu leuchten lassen, gerade durch die realistische, betont „schonungslose“ Erzählung.

David Bowie als Reiseführer

1981 wurde sie von Ulrich Edel verfilmt. „Sie erleben den Himmel“ und „Sie erleben die Hölle“ lauteten Inserts im Trailer. Entsprechend spekulativ wurden Glanz und Elend der Drogen dargestellt. David Bowie, dessen Berliner Konzert 1976 im Buch nur kurz vorkommt („Alle waren in einer ganz geilen Stimmung“), wurde im Film zu einer Art Leitfigur stilisiert, in Livebildern, die in einer ganz typischen Haltung Bowies gipfeln: der lockend ausgestreckten Hand.

Auch in der neuen Serie kommt David Bowie vor, dargestellt von Alexander Scheer. In der allerersten Szene begegnet ihm Christiane F., offenbar von allem irdischen Leid befreit, über den Wolken in einem Luxusjet. Sie spricht ihm angesichts seiner Flugangst Mut zu: „Keine Angst, wir stürzen nicht ab. Ich bin unsterblich.“ Es folgt das zeitlos gierige Riff von „Rebel Rebel“, und noch vor der Songzeile „Your hair's alright“ schwenkt die Kamera auf Christianes Haar und das ihres späteren Verehrers Axel. Großer Einstieg!

Bowies/Scheers zweiter Auftritt (in der dritten Episode) ist schwächer: Michi, ein Mitglied von Christianes Clique, begegnet ihm vor dem Konzert auf der Toilette, wo Bowie, offenbar geschmeichelt von den Chören der Fans, sagt: „This is the best part of the show.“ Nein, so billig hat es David Bowie zu Lebzeiten nie gegeben. Noch misslungener ist die folgende Szene: Während Bowie im Saal „Heroes“ singt, landet Christiane in seiner surreal luxuriösen Garderobe. Ein Diener mit Schweinsrüsselmaske serviert ihr auf barockem Tablett das Heroin. Sie setzt sich ihren ersten Schuss, während „Chandelier“ erklingt, ein – vor allem im Vergleich zu „Heroes“ – schwaches Stück von Damien Rice.

Schottisches zum ersten Schuss

Die Musik ist allgemein ein Schwachpunkt der Serie. Songs aus vier Jahrzehnten werden beliebig eingesetzt. Die Hintergrundmusik ist oft arg kitschig. Zur ersten Heroin-Injektion in Großaufnahme (es bleibt nicht die letzte) erklingt das schottische Volkslied „Auld Lang Syne“, in der Szenedisco „Sound“ läuft läppischer Happy-Techno. Dieser Anachronismus trägt dazu bei, dass der sinistre Reiz, den die Drogenwelt auf die Jugendlichen ausübt, kaum nachvollziehbar wird.

Der andere im Buch geschilderte Push-Faktor, die schiere Brutalität der Erwachsenenwelt, ist heute – gottlob! – nicht mehr glaubwürdig. Christianes Vater prügelt nicht, sondern weint: Sebastian Urzendowsky sieht für die Rolle viel zu jung aus und spielt einen Narren, den man einfach liebhaben muss, schon wegen seiner weichen Augen.

Überhaupt, diese Blicke! Regisseur Philipp Kadelbach liebt es nicht nur, Wände wandern zu lassen, sondern auch den Darstellern tief in die Augen zu zoomen. Sie danken es ihm, indem sie verletzte Seelen aus diesen sprechen lassen. Und das können sie, vor allem die fünf, die Christianes Clique darstellen. Vor allem Jeremias Meyer als Axel ist herzzerreißend lieb. Michelangelo Fortuzzi spielt den Benno soft und tough zugleich. Wenn er seinen Hund retten will (der fast genauso treuherzig dreinschauen kann), kann niemand widerstehen. Lea Drinda als engelhafte Babsi glaubt man jede Träne. Lena Urzendowsky besticht als vom mütterlichen Wirtshausmilieu fast erdrückte, zusehends verhärtete Stella. Jana McKinnon als Christiane lässt das Gesicht am wenigsten sprechen – vielleicht trägt gerade diese Zurückhaltung zur Glaubwürdigkeit bei.

Diese Schauspieler vollbringen ein Wunder: Sie beseelen eine Handlung, die ohne sie wenig schlüssig wirken würde. Nicht nur, weil die künstlichen Himmel und Höllen der Siebzigerjahre heute alt wirken, sogar in Westberlin. Das übrigens wegen baulicher Eingriffe (etwa in den Bahnhof Zoo) teilweise in Prag nachgestellt werden musste. So vergeht der schäbige Glanz der Welt.

(c) Mike Kraus


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2021)