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Italien

Procida: Eiland im Stillstand

Procida
Procida(c) imago images/YAY Micro
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Die traditionelle Karfreitagsprozession auf der Insel Procida im Golf von Neapel fällt auch heuer aus.

Die römische Schriftstellerin Elsa Morante sagt es bereits auf den ersten Seiten ihres Romans „Arturos Insel“ (1957) über Procida deutlich: Die Inseln des Archipels am Golf von Neapel sind alle schön. Aber auf dem kleinen, armen und verschlossen wirkenden Eiland Procida steigen Fremde nur zufällig aus dem Schiff, das sie in Neapel oder Pozzuoli betreten haben. Die meisten fahren weiter nach Ischia oder gleich nach Capri, auch wenn dort die Sonne bereits im Meer versunken ist.

Einmal im Jahr aber ist es ganz anders, am Karfreitag, an dem – kaum zu glauben – seit 1627 ohne Unterbrechung der berühmteste Trauerzug auf italienischem Boden stattfindet: la processione dei misteri. Die „misteri“ sind dabei gar nicht so geheimnisvoll, wie ihr Name andeutet. Man bezeichnet damit meist aus Holz gezimmerte Standbilder oder Gruppen von Statuen, die vorwiegend Ereignissen aus der Bibel, vereinzelt aber auch gesellschaftlichen Themen wie Cannabis oder Camorra ein Gesicht geben. An dem Buß- und Bittgang sind alle 10.000 Bewohner der Insel in irgendeiner Weise beteiligt. Seit dem Vorjahr muss man allerdings sagen: Sie waren es. Denn ebenso wie 2020 ist die Prozession der Pandemie wegen auch heuer abgesagt worden. Im Internet bringen Politiker und Geistliche ihr Bedauern mehr oder weniger herzzerreißend zum Ausdruck. Doch die Entscheidung ist unwiderruflich. Allenfalls werden auf die unmittelbare Umgebung der fünf Pfarrkirchen Procidas beschränkte Umzüge organisiert werden. Doch wer mag sich dafür interessieren? So werden die Straßen still und leer, die Fenster und die Geschäfte geschlossen bleiben. Nur die Zitronenbäume werden einen Hauch der unvergleichbar duftigen Stimmung verbreiten, die sonst an diesem Tag auf dem kaum vier Quadratkilometer großen Flecken Vulkanerde in einer der schönsten Küstenbuchten des Tyrrhenischen Meeres herrscht.

Viel Gewicht auf großen Gestellen

In gesunden Jahren hat die Feier immer schon in der Nacht von Donnerstag auf Freitag begonnen. Die meist jungen procidanischen Künstler, die die „misteri“ und die Transportplanken in den zurückliegenden Wochen und Monaten geschaffen haben, bringen sie am Westhang der Terra Murata in Position. Auf der höchsten, von einer Festung gekrönten Erhebung der Insel legen sie letzte Hand am Blumenschmuck an.

Die Gestelle, deren Last sie den ganzen Vormittag tragen, sind bis zu 15 Meter lang, bis zu fünf Meter hoch und mit bis zu zehn Statuen besetzt. Um sieben Uhr geht es los. Rund vier Stunden schiebt sich der Umzug mit zahllosen Unterbrechungen zum Ausruhen durch die Straßen und Gassen der östlichen Hälfte der Insel. Ohne große Schlusszeremonie verliert sie sich dann bei der Chiesa di Santa Maria della Pietà an der Marina Grande. 30 bis 40 misteri werden geschultert beziehungsweise an Seilen um den Oberkörper geschleppt. Das Gewicht ist die moderne Geißel. Zehn bis 15 Mann schinden sich jeweils mit einer Plattform. Sie gehören alle der „Società dei Turchini“ an und sind in weiße Gewänder und hellblaue Kapuzen gehüllt. Dazwischen reihen sich Einzelgänger mit Fahnen und Stelen und viele junge Väter ein (die Mütter warten am Straßenrand) und tragen den in schwarze Kutten gekleideten Nachwuchs auf den Armen. Die Kinder selbst nehmen die Vorstellung gelassen: Die einen blinzeln und lächeln die Zuschauer an, die anderen schlafen am Hals des Vaters tief und fest.

Am Ende folgen drei große Kreuze, die von Muskelmännern gestemmt werden, die in Schwarz gehüllte Figur der trauernden Madonna und eine Skulptur des am Boden lang gestreckten, aus der Brust blutenden und von einem dunklen Schleier bedeckten toten Gottessohnes. Das Kunstwerk ist landesweit bekannt. Der, der sie 1728 geschaffen hat, heißt Carmine Lantriceni und gehörte der neapolitanischen Schule an. Mehr weiß man von ihm nicht.

Von Fanfaren bis zum Trauerlied

Den unüberhörbaren Abschluss der Prozession bildet traditionell eine Kapelle mit etwa 40 überwiegend jungen Musikerinnen und Musikern und ihrem langjährigen Dirigenten, dem Saxofonisten Francesco Trio. Das Ensemble hat sieben Stücke im Repertoire, von der 50 Sekunden kurzen Fanfare mit Trompete und Trommel bis zum fast zehn Minuten langen hoch emotionalen „Ultimo giorno“. Das Trauerlied „Una lagrima sulla tomba di mia madre“ drückt den meisten Zuhörern am Schluss mehr als eine Träne aus den Augen. Die Stücke werden im Verlauf der Prozession – unabhängig davon, wie rasch sie vorankommt – drei bis vier Mal wiederholt. So mancher bis dahin passive Betrachter verlässt seinen Platz am Straßenrand und schließt sich dem Umzug am Ende noch an, um die Stücke so oft wie möglich hören zu können und sich ein um das andere Mal anrühren zu lassen. Wer nach dem offiziellen Ende zusammen mit den inzwischen wieder zivil gewandeten Lastenträgern und den anderen Akteuren vom Hafen zur Terra Murata hinaufsteigt, kann dort oben noch Augen- und Ohrenzeuge einer viertelstündigen Zugabe der Kapelle werden. Nach dem pietätvoll leisen Applaus werden den Musikanten in einer Art Freiluftbar Cola und Cornetti angeboten.

Auf der Insel mag man sich nicht vorstellen, was mit ihren Bewohnern geschehen würde, sollte die Karfreitagsprozession aufgrund fortbestehender Bedrohung durch Covid-19 noch ein weiteres Mal gestrichen werden müssen. Der Kampf zwischen Jahrhunderttradition und Jahrhundertseuche ist nicht entschieden. Da war es für die Insulaner nur ein geringer Trost, dass Procida vor Kurzem zur Kulturhauptstadt Italiens für das Jahr 2022 ernannt worden ist. Lieber würde man auf die staatlichen Gelder, die für den Empfang Hunderter Künstler und die Organisation Dutzender Veranstaltungen fließen werden, verzichten. Und dafür die eine, die einzigartige Prozession am Karfreitag wie gewohnt ausrichten und selbst finanzieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2021)