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Auch die Amerikaner haben als Besatzungsmacht die Eigenheim-Liebe der Deutschen gefördert: Hier „October on Cape Cod“, Edward Hopper, 1946.
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12 Jahre „Die Presse am Sonntag“

Ein Lob der Bausünde!

Einfamilienhaus ja oder nein sei nicht die Frage, behauptet die deutsche Architekturhistorikerin Turit Fröbe. Es gehe um Wiederverwendung und individuellen Ausdruck. Und sei er auch ganz arg.

Der Gestalter dieser Sonderausgabe, Erwin Wurm, hat in seiner ersten großen Wiener Ausstellung 2006 das ultimative Statement zum Thema Einfamilienhaus bereits gegeben: Er ließ ein solches kopfüber in das Museum krachen. Jedenfalls schien es so. Das gebaute Spießertum des biederen, standardisierten Eigenheims zerbarst an den schwarzen Festungsmauern urbaner Hochkultur. Die Wiener nahmen es mit amüsiertem Staunen.

In Deutschland kocht die alte Debatte über gesellschaftlichen, ästhetischen und ökologischen Sinn und Unsinn des Einfamilienhauses gerade wieder hoch, es ist schließlich Wahlkampf. Ein Stadtpolitiker der Grünen in Hamburg Nord begann mit der Ankündigung, in seinem Bereich keine Eigenheime mehr zulassen zu wollen. Der Fraktionschef der Grünen im Bundestag, Anton Hofreiter, stand ihm bei und warnte vor dem Umweltschaden von Eigenheimen. Worauf die politischen Gegner ein grünes Verbot von Einfamilienhäusern kommen sahen – und das in Coronazeiten, wo jeder so gern einen Garten hätte.

Diese Diskussion ist eine historisch ideologische: Man erinnere sich ans Wien der späten 1920er- und 1930er-Jahre, als Architekten der Moderne, die meisten Schüler von Otto Wagner, sich in beidem erprobten – im großen Gemeindebau. Und in einer Gartenstadt, der Werkbundsiedlung, wo von Josef Frank, Adolf Loos und Kollegen Musterhäuser auf kleinstem Raum, dafür mit Garten, entworfen wurden.

Besitz macht bürgerlich. Die architektonische Moderne aber tendierte eindeutig zur „Wohnmaschine“, wie Le Corbusier seine Plattenbauten nannte. Was zeigt, dass diese Form des kollektiven Wohnens nicht nur eine linke Vision war, wie sie sich heute darstellt, diente Le Corbusier sich doch dem Vichy-Regime an. In der Regel aber folgte die Geschichte des Wohnbaus dem Muster: Eine konservative Politik förderte das Eigenheim, den Besitz, wobei die Hoffnung mitschwang: „Wer etwas besitzt, wird bürgerlicher“, wie Architekturprofessorin Alexandra Staub (Penn State College) unlängst im „Spiegel“ die „Erziehung“ der Deutschen zu den „Häuslbauern“ erklärte, die sie sind. Sind doch tatsächlich 80 Prozent aller Wohnbauten in Deutschland heute Einfamilienhäuser. Immerhin bliesen sowohl die Nazis als auch die US-Besatzungsmacht als auch Konrad Adenauer zwar nach unterschiedlichen Noten, aber in dasselbe Horn, so Staub: Die deutsche Familie finde ihr Glück nur in den eigenen vier Wänden. Sei es als Gegenmodell zu den Plattenbauten im Osten, sei es zur Förderung der Bauindustrie. Sei es, wie heute, um das Home-Office attraktiv wirken zu lassen.