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Disney+

Hier kommt eine resolute Rebellin

„Rebel“ (Katey Sagal, r.) mit Tochter „Cass“ (Lex Scott Davis, l.) und Assistentin Lana (Tamala Jones).
„Rebel“ (Katey Sagal, r.) mit Tochter „Cass“ (Lex Scott Davis, l.) und Assistentin Lana (Tamala Jones).ABC
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In „Rebel“ spielt Katey Sagal eine Aktivistin, die an Erin Brockovich erinnert. Die Serie ist flotter und amüsanter als einst der Film mit Julia Roberts. Die Frauen: Grandios!

Das nennt man einen Auftritt: Im hautengen Kleid, mit wehendem Haar und Sonnenbrille crasht Annie Bello eine Charityparty, schleust ihre Tochter mit einem Trupp Demonstranten ein, beflegelt den Gastgeber und lässt sich am Ende widerstandslos festnehmen, nachdem die Paparazzi ein paar kompromittierende Fotos von ihr gemacht haben. Dass die am nächsten Tag sogar in der Zeitung abgedruckt sind, ist ihr nur recht. Denn Annie braucht jegliche Publicity für ihren Kampf gegen die Medizintechnikfirma, die kranken Menschen (und zahlungswilligen Investoren) falsche Versprechen und mit schädlichen Herzklappen fiese Geschäfte macht. Sie ist zwar keine Anwältin, aber sie weiß, wie man Leuten zu ihrem Recht verhilft.

Dass sie von allen „Rebel“ (Rebellin) genannt wird, hat nicht nur mit ihrem furchtlosen Gehabe zu tun (sie gewinnt jeden Wer-blinzelt-zuerst-Wettbewerb, auch wenn ihr ein amtsbekannter Gewalttäter gegenübersitzt). Sie hält sich nicht an Regeln, ist unbequem und versteht es, Männer je nach Bedarf um den Finger zu wickeln oder einzuschüchtern. Widerstand ist zwecklos – das wissen selbst ihre Verflossenen und ihre drei so unterschiedlichen wie kompetenten Kinder, die sie für die gerechte Sache einspannt.

Julia Roberts Fußstapfen? Keineswegs!

Inspiriert wurde die Serie „Rebel“ (zu sehen auf Disney+) von der Geschichte der furchtlosen Erin Brockovich – jener Rechtsanwaltsgehilfin, die Mitte der 1990er-Jahre dazu beitrug, einen Umweltskandal um die Trinkwasserverseuchung im kalifornischen Hinkley aufzudecken. Seit Julia Roberts mit der Hauptrolle in Steven Soderberghs Justizdrama „Erin Brockovich“ (2000) einen Oscar gewonnen hat, ist die Umweltaktivistin auch international bekannt. Doch „Rebel“ und ihre großartige Darstellerin Katey Sagal (die schon so unterschiedliche Charaktere wie Mama Peggy aus „Eine schrecklich nette Familie“ oder Gemma von der Motorradgang in „Sons of Anarchy“ verkörperte) treten bewusst nicht in Roberts Fußstapfen. Die Serie nimmt sich nicht so ernst, die Story ist flotter und vor allem auch amüsant erzählt. Rebel ist keine junge Mutter in finanziellen Nöten, sondern eine hochstapelnde, laute Person, die ihr Leben, ihre (Ex-)Männer (u. a. John Corbett aus „My Big Fat Greek Wedding“) und ihre erwachsenen Kinder fest im Griff hat. „Lasst uns die Bastarde fertig machen!“, fordert Rebel – und alle folgen.

Erdacht wurde die Serie von Krista Vernoff, die mittlerweile 60-jährige Erin Brockovich ist als Ko-Produzentin mit an Bord. Man darf annehmen, dass sie bei der Besetzung ein Wörtchen mitgeredet hat. Sagal ist ein Glücksgriff. Die 67-Jährige sieht nicht nur blendend aus, sie bringt den Charakter ihrer resoluten und etwas chaotischen Protagonistin überzeugend und witzig auf den Punkt – egal, ob sie jemandem die Leviten liest oder Honig ums Maul schmiert. Beides mit Genuss. Und wenn's schief geht? Aufstehen, Möpse richten, weitergehen!

In Hollywood klagen Schauspielerinnen, dass sie über 40 nicht mehr gecastet werden. Wie schade! Sagal zum Beispiel muss den Vergleich mit der bei der Soderbergh-Verfilmung nicht einmal halb so alten, ebenfalls grandiosen Julia Roberts nicht scheuen – sie bringt Verve, einen starken Charakter und Lebenserfahrung mit und führt vor, was für eine Verschwendung es ist, auf reife Darstellerinnen zu verzichten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2021)