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Wort der Woche

Popcorn-Technologien

Sogenannte Popcorn-Technologien – unreife Technologien mit hohem Potenzial – können Durchbrüche ermöglichen. Zumindest wenn die Bedingungen für ihre Entwicklung passen.

Dieser Tage wurde einmal mehr deutlich, wie schwer wir uns mit Klimaschutz tun. Beim G7-Gipfel in Cornwall gab es zwar schöne Worte – so war erstmals von „Klimaneutralität“ bis 2050 die Rede –, doch konkrete Beschlüsse blieben erneut aus. Warum nichts weitergeht, wurde vergangenes Wochenende in der Schweiz offenkundig, wo ein umfassendes CO2-Gesetz an der Abstimmungsurne durchfiel. Dieses hätte das Leben der Schweizer verändert; Verhaltensänderungen tun aber weh, und die meisten Menschen schrecken davor zurück.

Umso wichtiger sind daher Fortschritte bei nachhaltigen Technologien. Doch das kann dauern: Bis eine Erfindung so weit entwickelt ist, dass sie in der Praxis reüssieren kann, vergehen oft zehn bis 30 Jahre – so geschehen zuletzt etwa bei LED-Leuchten oder Lithium-Ionen-Batterien. Solche Durchbrüche schaffen zwar nur wenige Technologien, die in Labors entwickelt werden – aber diese können echte Gamechanger werden und in Sachen Marktdurchdringung regelrecht explodieren. Diese Dynamik veranlasst manche Experten dazu, von „Popcorn-Technologien“ zu sprechen – gleich harten Maiskörnern, die bei ausreichender Hitze zu einem Vielfachen ihres Volumens aufpoppen.

Solche Technologien hat sich jüngst die Österr. Gesellschaft für Umwelt und Technik (ÖGUT) angesehen. Durch Experten-Interviews und eine Literaturrecherche wurden 17 Technologien herausgefiltert, die enormes technisches und wirtschaftliches Potenzial haben, aber noch in einem sehr frühen Entwicklungsstadium stehen. Darunter befinden sich verblüffende Dinge: etwa Drohnen-Windenergiesysteme, die in großer Höhe Energie ernten. Oder Aluminium-Luft-Batterien mit sehr hoher Energiedichte. Oder Plasma-Lichtbögen für die Industrie. Oder torrefizierte Biomasse („Holzkohle 2.0“), die eine hohe Energiedichte hat und sauber verbrennt. Oder Mikrobielle Brennstoffzellen, mit denen aus Abwasser Strom erzeugt werden kann.

Als für Österreich besonders interessant erachten die Experten sogenannte Perowskit-Solarzellen, Untergrund-Energiespeicher, Tiefe Geothermie und den Einsatz von Wasserstoff in der Zementindustrie (www.nachhaltigwirtschaften.at).

Man sieht: Der Erfindungsreichtum des Menschen ist gewaltig. Doch Ideen allein reichen nicht aus: Wir müssen auch die richtigen Bedingungen für deren Entwicklung schaffen, damit sie aufpoppen und uns bei der Bewältigung der großen Herausforderungen unterstützen können.


Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Wissenschaftskommunikator am AIT.

meinung@diepresse.com
www.diepresse.com/wortderwoche 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2021)