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Wie gefährlich sind Tornados für Atomkraftwerke?

Aftermath of rare tornado in South Moravia
Zerstörungen im südmährischen Luzice in der Vorwoche(c) REUTERS (DAVID W CERNY)
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Wie gefährlich sind Wirbelstürme für Atomkraftwerke? Das entscheidet sich nicht nur im Reaktor, sondern in Nebengebäuden und in den Leitungen.

Der Tornado, der in der vorigen Woche in Südmähren, unweit der österreichischen Grenze ein Bild der Verwüstung gezeichnet hat, dürfte einen Wirbel von etwa 350 Stundenkilometern gehabt haben. Welchem Risiko sind dabei Atomkraftwerke ausgesetzt? In der tschechischen Republik sind Temelín und Dukovany in Betrieb, in der Slowakei Jaslovské-Bohunice und Mochovce. Bohunice ist dem Schauplatz des Tornados am nächsten, etwa 60 Kilometer entfernt.

Die Frage ist einfach gestellt, hat aber viele Antworten. Nikolaus Müllner, stellvertretender Leiter des Instituts für Sicherheits- und Risikowissenschaften an der Universität für Bodenkultur in Wien (Boku): „Grundsätzlich ist einmal entscheidend, welche extremen Wetterereignisse im Zuge der Genehmigung der Anlage angenommen worden sind. Auf diese Szenarien sollte dann der gesamte Bau ausgelegt sein.“

Generell kann gesagt werden, dass die diesbezüglichen Standards umso höher sind, je jünger ein Kraftwerk ist. Dabei gibt es in so gut wie allen Fällen Graubereiche, bei denen ein ganz sorgsamer Blick auf Daten und Details, insbesondere die Berechnungsmethoden zu richten ist – wie sich am Beispiel der Erdbebengefahr am Standort des ungarischen Atomkraftwerk Paks, südlich von Budapest, zeigt.

Radioaktives Wasser 15 Jahre in den Fluss geleitet

Oder auch im AKW Bohunice (120 km von Wien entfernt), in dem es vor 45 Jahren innerhalb von 13 Monaten zu zwei sehr schweren Unfällen gekommen ist. Beim ersten Unfall kamen zwei Menschen ums Leben, im Zuge des zweiten Unfalls, im Februar 1977, wurde der Primär- und der Sekundärbereich radioaktiv kontaminiert (Anm.: Zum Zeitpunkt der Abstimmung über die Inbetriebnahme des österreichischen AKW Zwentendorf im November 1978 waren die Bohunice-Unfälle in Österreich nicht publik).

In Bohunice zeigt sich sehr deutlich der Unterschied zwischen angegebener technischer Sicherheit und der Realität einer Sicherheitskultur. Der Bohunice-Reaktor des Typs A 1 wurde danach nie mehr in Betrieb genommen. Durch Unwetter drang Wasser in das Reaktorgebäude ein, radioaktive Verseuchung war die Folge. Das Wasser wurde 15 Jahre lang über einen Kanal in den Fluss Dudvah geleitet. Das Reaktorgebäude ist nach wie vor weit weg davon, saniert zu sein. Zwei andere Reaktoren (des Typs V 2) sind noch in Betrieb.

Zurück zur grundsätzlichen Sicherheitsabwägung: Bei der Beurteilung von Atomkraftwerken „geht es nicht nur um das Hauptgebäude, in dem sich der Reaktor befindet, es geht um das Sicherheitskonzept“, sagt Helga Kromp-Kolb. Sie ist nicht nur renommierte Klimaforscherin, sondern hat auch viele Atomkraftwerke in ihrer Funktion als Vorsitzende des „Forums für Atomfragen“ begutachtet.

Der entscheidende Faktor ist die Stromversorgung: Ist gewährleistet, dass auch unter den widrigsten Umständen genügend Strom vorhanden ist, um Pumpen in Betrieb zu halten? Springen Dieselaggregate rasch genug an, gibt es genügend davon und wie lang liefern sie Energie?

Klimaänderung liefert zusätzliche Risikofaktoren

Gibt es Strom genug für die Notkühlsysteme der Reaktoren nach einer Schnellabschaltung, um die Kühlung des Wassers in den Abklingbecken aufrecht zu erhalten? In diesen Becken werden die gebrauchten Brennstäbe in einem Wasserbad gelagert – jahrelang. Dieses Wasser nimmt die Hitze auf und erwärmt sich somit. Die Becken müssen ständig mit Wasser gespeist werden. Von zentraler Bedeutung sind die Stromleitungen, „und dabei geht es nicht nur um den Kraftwerksbereich“. Strommasten sind – im Hinblick auf Tornados – wohl die verwundbarsten Punkte um ein Atomkraftwerk.

In der Risikobewertung kommt allmählich die rasant fortschreitende Klimaänderung dazu. Kromp-Kolb und Müllner waren von der OECD eingeladen worden, um in einer Arbeitsgruppe „Assessment of the Vulnerability of Nuclear Power Plants and Cost of Adaptation“, ausgehend von einer ständig wärmer werdenden Atmosphäre, eine Expertise zu verfassen. Dieser Bericht ist nicht über eine Rohfassung hinausgekommen und bisher nicht veröffentlicht worden: Die Studie wird als „ongoing“ geführt; irgendwann wurde zu keiner Arbeitssitzung mehr eingeladen.

Klar ist, so Müllner: „Einerseits liegt auf der Hand, dass für alle AKW an Flüssen in einer wärmer werdenden Welt die Abschaltzeiten länger werden. Denn jeder Fluss hat eine Temperatur-Obergrenze, bei deren Überschreiten etwa der Fisch-Laich abstirbt, weil das Wasser zu warm wird.“ Und andererseits treten Extrem-Wetterereignisse häufiger auf. Wie stark die Klimaänderung die regionalen Wettermuster ändert, vermag derzeit niemand im Detail zu sagen. „Deshalb muss hier mit Annahmen und Sicherheitsmargen gearbeitet werden“, so Müllner, „eher mit größeren.“

>> Unvollendete Studie

>> Bericht des Departements für Nuklear-Chemie der Comenius Universität in Bratislava über die Unfälle im AKW Jaslovské Bohunice und die Kontamination durch radioaktives Wasser