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Juan Diego Flórez bringt Arien von Rossini, Verdi und Puccini mit.
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Salzburger Festspiele

Der Zauber der Kantilene

Ob deutsche Liederzyklen oder italienische Romanzen, ob barocke Bravourarien oder romantische Opernszenen: Große Stimmen prägen sowohl die Festspielliederabende als auch die Reihe „Canto lirico“.

Es sind gewisse Länder und Oerter“, schreibt der deutsche Jurist und Musiker Christian Gottfried Krause in seinem 1752 in Berlin erschienenen Buch „Von der musikalischen Poesie“, „wo man mehr Geschmak an den harmonisch vollkommenen Stücken, als an denen, die durch die Melodie reitzen, findet; vielleicht, weil man daselbst auch in andern Dingen nur auf das scheinbar große und prächtige siehet, und von dem natürlichen und edel einfältigen nicht viel weiß.“ Bei besonders kunstvoll gedrechselten Nummern könnten Fachleute vielleicht intellektuelles Vergnügen empfinden, aber dennoch kalt bleiben. „Bey einer schönen melodiösen Arie hingegen, werden sie eben so wohl in Bewegung gesetzet, als diejenigen so nichts von der Musik verstehen.“

Natürlichkeit“, das von Johann Joachim Winckelmann geprägte Wort von der „edlen Einfalt und stillen Größe“: Diese Kategorien in der Musik, für die der Aufklärer Krause hier plädiert und mit dieser und anderen Schriften die Berliner Liedschule begründet, sollten nördlich der Alpen freilich nicht dauerhaft in so hohem Kurs stehen. Denn gerade die Liedkunst des mediterranen Raums wurde dort spätestens ab jenem Zeitpunkt belächelt, ab dem Franz Schubert, Robert Schumann und Johannes Brahms als nationale Heiligtümer Verehrung genossen. Doch die Differenz ist eben keineswegs von Mentalität und Kulturkreis vorgegeben, sondern vor allem ästhetisch begründet. Der Primat der Melodie und der Strophenform, wie noch von Goethe gefordert, der Vorrang der Singstimme vor der Begleitung, er blieb etwa in Italien, dem Land des Belcanto, noch bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts aufrecht – denn „eine wahre Musik muß rühren und ergötzen zugleich“.

"Bei einer schönen melodiösen Arie werden Sie eben so wohl in Bewegung gesetzt, als diejenigen, die nichts von Musik verstehen."

Christian Gottfried Krause

Facettenreiche Durchlässigkeit

Bei den Salzburger Festspielen gilt das desto mehr. Die programmatische Zweigleisigkeit mit einer mehr der italienischen Oper und dem südlichen Geschmack verpflichteten Reihe namens „Canto lirico“, die im modifizierten Programm des Sommers 2020 inauguriert worden ist, und den traditionsreichen Liederabenden, die mehrheitlich dem deutschen Repertoire verpflichtet sind, versteht sich natürlich mehr als facettenreiche, in beiden Richtungen durchlässige Ergänzung denn als Trennung unversöhnlicher Sphären. Das wird gleich am ersten Abend von „Canto lirico“ begreiflich, wenn Christina Pluhar mit ihrem famosen Ensemble L’Arpeggiata in Instrumentalmusik, Gesang und sogar Tanz zeigt, wie das Neapel des 17. Jahrhunderts seinen musikalischen Rang auf den Gebieten der weltlichen Oper, der geistlichen Kantaten und der Volkskunst gleichermaßen behaupten konnte.

Die Mezzosopranistin Joyce DiDonato setzt das im Verein mit dem Ensemble Il pomo d’oro unter Maxim Emelyanychev fort, greift dabei in einem fein zusammengestellten Programm bis John Dowland und Claudio Monteverdi zurück, um bis zu Georg Friedrich Händel und Johann Adolph Hasse vorzudringen: barocke Opernvirtuosität im Dienste des Ausdrucks. Sonya Yoncheva und Juan Diego Flórez verfolgen diesen Ansatz auf individuelle Weise weiter, um in jenen populären Gefilden zu landen, in denen vor allem die Melodie regiert: Die Sopranistin lässt mit dem Donizetti Opera Ensemble den Ziergesang von Bellini und Verdi via Puccini in die typischen Romanzen und Lieder italienischer Provenienz münden; der Tenor bringt gemeinsam mit dem Pianisten Vincenzo Scalera Arien und Orchesterstücke von Rossini, Puccini, Gounod sowie Werke lateinamerikanischer Komponisten mit: Rührung und Ergötzung garantiert.

Sonya Yoncheva bereist mit dem Donizetti Opera Ensemble den Belcanto.
Sonya Yoncheva bereist mit dem Donizetti Opera Ensemble den Belcanto.(c) Dario Acosta

Das gilt nicht minder für die Liederabende, von denen gleich zwei Markus Hinterhäuser am Flügel betreut. Zum einen macht er mit seinem langjährigen musikalischen Partner Matthias Goerne das Liebesleid von Schuberts „Schöner Müllerin“ neu lebendig, zum anderen geht er mit Asmik Grigorian, der gefeierten Salome und Chrysothemis der letzten Festspielsommer, Werke von Richard Strauss (auch die „Vier letzten Lieder“) und Pjotr Iljitsch Tschaikowski an.

Benjamin Bernheim, eine der nobelsten Tenorstimmen der jungen Generation, führt zusammen mit Carrie-Ann Matheson das Herzensweh von Schumann- und Brahms-Liedern vor und lässt bei Ernest Chausson symbolistischen Zauber wirken. Gerald Finley, zuletzt in Salzburg die ausdrucksstarke Titelfigur von Aribert Reimanns „Lear“, durchmisst mit Julius Drake Schuberts „Schwanengesang“. Und Bariton Christian Gerhaher versichert sich eines prominenten kammermusikalischen Freundeskreises für Nacht- und Liebesszenen: Das düstere „Notturno“ Othmar Schoecks löst sich über die kühne und zugleich schwärmerisch-romantische „Verklärte Nacht“ Arnold Schönbergs in Hector Berlioz’ traumhaft-leichte „Nuits d’été“ auf.

Mehr Informationen unter: www.salzburgerfestspiele.at