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Quergeschrieben

2015 darf sich nicht wiederholen? Warum eigentlich nicht?

Die katastrophale Lage in Afghanistan ermutigt zu Vergleichen mit den Geschehnissen vor sechs Jahren. Man könnte auch präziser formulieren.

2015 darf sich nicht wiederholen“, sagte der deutsche Kanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) angesichts der katastrophalen Lage in Afghanistan. Es ist eine Forderung, vor der auch österreichische Politikerinnen und Politiker nicht haltmachten, zuletzt etwa Anfang August Sebastian Kurz im Interview mit dem Onlinemedium Exxpress. Ebenso verlangte das kürzlich der griechische Migrationsminister, Notis Mitarakis.

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Es ist ein seltsamer Satz, aufgeladen mit unterschiedlichen Bedeutungen, und somit wert, ihn sich genauer anzusehen. So viel vorweg: Inhaltlich ist er sinnlos. Das Jahr 2015 ist vergangen und es wird sich nicht wiederholen, außer wir entscheiden uns kollektiv, eines der kommenden Jahre in „2015“ umzubenennen.

Womit wir auf der Interpretationsebene wären. Eine gutartige Lesart lautet: Die Fluchtbewegung von Millionen Menschen darf sich nicht wiederholen, weil Flucht etwas ist, das Menschen entwurzelt, traumatisiert und leiden lässt. Gäbe es Weltfrieden, hätten sich 2015 nicht Millionen auf den Weg nach Europa gemacht.

Doch wer so etwas fordert, kann das eigentlich anders, konkreter deutlich machen, etwa indem sie oder er fordert, Kriege und Waffenlieferungen zu beenden. Oder, wie eine kürzlich erschienene Studie zeigt, die humanitären Hilfen drastisch zu erhöhen. Hunger, Krieg und Verfolgung führten nämlich dazu, dass sich die Menschen 2015 auf den Weg machten, und nicht die sogenannten Pull-Faktoren, darunter die Aussage „Wir schaffen das“ der deutschen Kanzlerin, Angela Merkel, am 31. August 2015.

Vermutlich liegt also in vielen Fällen eine andere Interpretation des Satzes näher. Und zwar jene, dass die Ankunft von Millionen Geflüchteten etwas ist, das sich nicht wiederholen darf. Auch da gilt es, unterschiedliche Aspekte auseinanderzudröseln.

Darf sich nicht wiederholen, dass 2015 die Dublin-Verordnung zeitweise außer Kraft gesetzt wurde? Die stand zwar schon lange in der Kritik, weil sie dazu führt, dass auf EU-Länder wie Griechenland und Italien eine ungleiche Last an Asylanträgen fällt. 2015 geschah aber auch, dass Menschen mehrere Nationalgrenzen ungehindert passieren konnten, ein Kontrollverlust für die Regierungen.

Wer will, dass sich das nicht wiederholt, sollte also wohl eher eine Reform der EU-Einwanderungsregeln fordern. Die Verteilung von Geflüchteten aus den Grenzländern in andere EU-Staaten, den sogenannten Resettlement-Prozess, kann man getrost als gescheitert bezeichnen.

Oder darf sich nicht wiederholen, dass diese Menschen, die in Österreich, Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern ankamen, den Sozialstaat aufs Äußerste forderten? Die Zivilgesellschaft sprang ein, kreierte Notunterkünfte auf Bahnhöfen, Flüchtlingsquartiere in Gasthäusern, Deutschkurse in Parks. Es entstanden Konflikte und Missverständnisse, aber auch neue Freundschaften und Familien. Das Thema polarisierte, die Gesellschaft spaltete sich. Soll der Satz „2015 darf sich nicht wiederholen“ vor diesen Zuständen warnen, könnte man stattdessen bessere Vorbereitung und Koordination fordern – das Chaos wurde zum Teil bewusst herbeigeführt. Außerdem sachlicher kommunizierende Politikerinnen und Politiker, die aufklären und nicht Ängste schüren, sowie Medien, die auf menschenverachtende Schlagzeilen verzichten.

Sechs Jahre später sind all diese Nöte Geschichte; was von 2015 bleibt, sind über 70.000 Menschen, die nun Teil unserer Gesellschaft sind. Immerhin jeder Zweite, der 2015/16 Asyl bekam, ist mittlerweile beschäftigt, 86 Prozent der Geflüchteten haben einen Deutschkurs abgeschlossen. Sie haben unsere Bevölkerung verjüngt.

Wer 2015 nicht wiederholen will, sagt damit also auch, dass es besser gewesen wäre, wären diese Menschen nie gekommen. Wer das meint, soll das lieber offen aussprechen – und sich der Kritik stellen, eine unmenschliche Aussage zu tätigen. Denn das ist sie.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zur Autorin:

Anna Goldenberg ist Journalistin und Autorin („Versteckte Jahre. Der Mann, der meinen Großvater rettete“, 2018, Paul Zsolnay) und lebt in Wien. Sie schreibt über Medien und Politik für den „Falter“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2021)