Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Psychische Gesundheit

Droge Instagram, oder warum Facebook Stillschweigen bewahrt

www.BilderBox.com
  • Drucken

Wie schädlich sind Soziale Netzwerke für Jugendliche? Eine Frage, die Facebook seit Jahren beantworten könnte, denn sie führte, wie das Wall Street Journal berichtet, zwischen 2018 und 2021 zahlreiche interne Untersuchungen durch. Mit erschreckenden Ergebnissen.

Das perfekte Leben, der Traumpartner, das Model-Aussehen und jeder Tag auf der rosa Zuckerwatte-Wolke. Auf Instagram kann es scheinbar jeder haben. Der Blick durch das Guckloch in das vermeintliche Leben der Anderen. Während man selbst vielleicht in der Jogginghose auf der Couch liegt. Unzufrieden mit dem eigenen Körper, unglücklich über die nicht perfekten Maße, die überflüssigen Kilos. Alles was am Selbstbewusstsein kratzt, „machen wir noch schlimmer“, heißt es an einer Stelle der internen Instagram-Untersuchung. Ein Aspekt, den Mark Zuckerberg erfolgreich über die Jahre nicht mit der Öffentlichkeit teilte. Er hob in Interviews und selbst vor dem US-Kongress nur hervor, was für positive Auswirkungen seine Plattformen haben können. 

TikTok, Facebook, Twitter und insbesonders Instagram wird seit Jahren nachgesagt, dass sie auf die Psyche und das Wohlbefinden schlagen. Eine Studie, die 2020 im Social Psychological and Personality Science erschien, sah zwischen psychischem Wohlbefinden und Social-Media-Nutzung hingegen keinen Zusammenhang. Um die selbe Zeit untersuchten Forscher bei Instagram ebenfalls dieser Frage nachzugehen und sie kamen zu einem ganz anderen Ergebnis. Eines, das im März 2020 unternehmensintern veröffentlicht wurde. "Vergleiche auf Instagram können ändern, wie junge Frauen sich wahrnehmen."

Nach Instagram fühlten sich viele Mädchen noch unwohler

Ein Drittel aller jugendlichen Mädchen gab an, dass sie sich durch Instagram noch unwohler in ihrem Körper fühlten als zuvor. So das Ergebnis 2020. In den beiden zuvor durchgeführten Studien kam man zum gleichen Ergebnis: Instagram ist schädlich für viele der jungen Nutzer und vor allem für Mädchen und junge Frauen.

Bei manchen ist der Druck besonders hoch. Unter Teenagern, die Suizidgedanken meldeten, führten 13 Prozent der britischen und sechs Prozent der amerikanischen Nutzer den Wunsch, sich umzubringen, auf Instagram zurück.

Mehr als 40 Prozent der Instagram-Nutzer sind 22 Jahre alt und jünger, und etwa 22 Millionen Teenager loggen sich in den USA jeden Tag bei Instagram ein, verglichen mit fünf Millionen Teenagern, die sich bei Facebook einloggen, wo die Nutzerzahlen unter Jüngeren seit knapp einem Jahrzehnt stark rückläufig sind. Im Durchschnitt verbringen Jugendliche in den USA 50 Prozent mehr Zeit auf Instagram als auf Facebook.

Zum Vergleich: Mehr als 2,9 Millionen Österreicher sind auf der Foto-Plattform angemeldet. Das entspricht 33,4 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Mehrheit der österreichischen Instagram-Nutzer ist weiblich und jung. Die meisten Nutzer sind zwischen 18 und 34 Jahre alte.

„Instagram ist gut positioniert, um bei jungen Leuten Anklang zu finden und zu gewinnen“, heißt es auf einer intern geposteten Folie eines Forschers. In einem anderen Post heißt es: „Es gibt einen Wachstumspfad, wenn Instagram seinen Weg fortsetzen kann.“

In der Öffentlichkeit hat Facebook die negativen Auswirkungen der App auf Jugendliche konsequent heruntergespielt und seine Forschung weder öffentlich gemacht noch Wissenschaftlern oder Gesetzgebern zugänglich gemacht, die darum gebeten haben.

Im Gegenteil, bei der Anhörung vor dem US-Kongress im März 2021 erklärte CEO Mark Zuckerberg, dass das Vernetzen junger Menschen positive Auswirkungen auf die mentale Gesundheit haben könne. Dass das Pendel auch in die andere Richtung schwingen kann, erwähnte er nicht.

Das Erfolgsmodell ist gleichzeitig das, das den Nutzern schadet

Die Instagram-Dokumente sind Teil einer Reihe von internen Memos, zu Bereichen wie psychische Gesundheit von Teenagern, politischem Diskurs und sogar Menschenhandel. Sie liefern ein detailliertes Bild über Facebooks Wissen darüber, dass die Produkte und Systeme, die für den Geschäftserfolg entscheidend sind, die Nutzer eigentlich schädigen.

Und die Dokumente zeigen, wie wenig Facebook dagegen unternommen hat. Mehr Anstrengung wurde darin investiert, die Probleme in der Öffentlichkeit herunterzuspielen.

Die eigene, interne Recherche zeigt auf, dass der IT-Konzern über seine Rolle Bescheid weiß. Vielmehr noch, es belegt, dass sich daran auch nichts ändern soll, auch wenn die Untersuchungen tiefgreifend waren.

Die Untersuchungen umfassten Fokusgruppen, Online-Umfragen und Tagebuchstudien in den Jahren 2019 und 2020. Es umfasst auch groß angelegte Umfragen unter Zehntausenden Menschen, die dann mit jenen vorhanden Facebook-Daten verglichen wurden. In fünf Präsentationen über einen Zeitraum von 18 Monaten machten die Forscher einen, wie sie selbst in der Präsentation beschreiben, "Tauchgang in die psychische Gesundheit von Teenagern“.

Sie kamen zu dem Schluss, dass einige der Probleme spezifisch für Instagram und nicht für soziale Medien im Allgemeinen waren. Dies gilt insbesondere für den sogenannten Sozialvergleich, bei dem Menschen ihren eigenen Wert in Bezug auf die Attraktivität, den Reichtum und den Erfolg anderer einschätzen.

Gruppendruck im Freundeskreis gab es schon immer, aber „der soziale Vergleich ist auf Instagram schlimmer“, halten die Forscher fest. Während auf TikTok die Leistungen im Mittelpunkt stehen, bei Snapchat das Gesicht, das mit verschiedensten Filtern überzogen wird, dreht sich auf Instagram alles um den Körper und den Lebensstil.

Trotz aller Erkenntnisse, hält Zuckerberg am Kinder-Instagram fest

Das was Instagram also so erfolgreich macht, ist auch das, was am schädlichsten für ihre jungen Nutzer ist. Die Tendenz, nur die besten Momente zu teilen, der Druck, perfekt auszusehen, und ein süchtig machendes Produkt können Teenager zu Essstörungen, einem ungesunden Gefühl für ihren eigenen Körper und Depressionen führen, heißt es in einer internen Studie vom März 2020.

Umso absurder wirkt dann der Vorstoß von Mark Zuckerberg ein eigenes Instagram für Kinder entwickeln zu wollen. Bei einer Anhörung vor dem Kongress im März dieses Jahres verteidigte Herr Zuckerberg das Unternehmen gegen die Kritik des Gesetzgebers an seinen Plänen. Auf die Frage, ob das Unternehmen die Auswirkungen der App auf Kinder untersucht habe, sagte er: „Ich glaube, die Antwort ist ja.“

 

>>> Wall Street Journal