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Energiepreise

Warum kostet Öl plötzlich so viel wie zuletzt 2018?

Der Ölpreis steigt wieder.
Allein heuer betrug das Plus bei der Nordseesorte Brent rund 55 ProzentREUTERS
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80 Dollar für ein Fass Öl – das gab es seit drei Jahren nicht. Was den Preis so stark ansteigen lässt.

China muss den Strom abschalten. Und in Großbritannien bilden sich stundenlange Staus an den Zapfsäulen. Was nach apokalyptischen Szenen aus einem Hollywood-Film klingt, ist 2021 bittere Realität. Der Energiemarkt spielt dieser Tage verrückt – und es sieht nicht so aus, als ob sich daran bald etwas ändert.

Die sich zuspitzende Gemengelage führte am Dienstag zu einem Rekordpreis bei Erdgas. Und auch Öl der nordeuropäischen Sorte Brent markierte mit 80 Dollar je Fass ein Niveau, das man zuletzt im Herbst 2018 gesehen hatte. Allein in diesem Jahr verteuerte sich ein Barrel (159 Liter) Öl um rund 55 Prozent. Zwar hängen die Preise für Gas und Öl nicht unmittelbar zusammen, doch herrscht auf dem Rohölmarkt die Befürchtung, dass Erdgas bei derartigen Steigerungen (allein binnen eines Tages waren es bei US-Gas elf Prozent) durch günstigeres Öl ersetzt werden könnte. Wenngleich das in der Realität nur bedingt geschehen dürfte, spielt die psychologische Komponente dennoch eine entscheidende Rolle.

Weitaus stärker ins Gewicht fallen dürfte da etwas Anderes.

Nämlich die stark steigende Nachfrage nach Rohöl. Das Angebot auf dem Markt kann mit dem derzeitigen Verbrauch nämlich nicht ganz Schritt halten.

Bald auf Vor-Corona-Niveau

Die Internationale Energieagentur rechnete ursprünglich erst im dritten Quartal 2022 damit, den weltweiten Ölverbrauch wieder auf Vorkrisenniveau zu sehen. Doch bei einer in dieser Woche stattfindenden Konferenz der Ölindustrie war gänzlich anderes zu hören. Deren Teilnehmer erwarten schon für Ende dieses oder spätestens Anfang des kommenden Jahres eine Nachfrage von rund 100 Millionen Barrel täglich. Die Konjunktur zieht weltweit kräftig an, und auch die globalen Mobilitätsdaten befinden sich wieder auf einem hohen Niveau.

Das Ölkartell Opec und seine erweiterte Mitgliederrunde (Opec+) haben sich bereits darauf verständigt, bis Jahresende deutlich mehr Öl aus dem Boden zu holen als in den Monaten zuvor. Doch Länder wie Nigeria, Angola oder Kasachstan produzieren bereits am Anschlag, sagt Ölexperte Hannes Loacker von Raiffeisen Capital Management. Diese Staaten könnten in der Theorie noch mehr liefern, weil ihnen die Opec bestimmte Quoten zugesteht – doch sie schaffen es nicht. Was der Commerzbank zufolge auch auf einen jahrelangen Mangel an Investitionen zurückzuführen ist.

Zu wenig Geld floss zuletzt auch vonseiten der amerikanischen Schieferölindustrie. Statt es in eine verbesserte Ölproduktion zu stecken, schielte man in den vergangenen Monaten vor allem auf die Optimierung der eigenen Unternehmensergebnisse, was sich nun auch in den US-Lagerdaten widerspiegelt. Diese fielen auf das niedrigste Niveau seit drei Jahren. Ende August, Anfang September hat dann auch noch Hurrikan Ida Teile der Ölproduktion am Golf von Mexiko lahmgelegt, manche der Ausfälle werden noch länger zu spüren sein.

Die Zurufe an die Opec – die sich in der kommenden Woche trifft –, den Ölhahn noch stärker als bisher vereinbart aufzudrehen, werden deshalb wohl lauter werden. Auch wenn höhere Preise höhere Einnahmen zur Folge haben, muss die Opec langfristig denken. „Denn wenn der Ölpreis jetzt zu schnell, etwa auf 90 Dollar, steigt, läuft man Gefahr, die Konjunktur und damit auch die Ölnachfrage abzuwürgen“, sagt Loacker. Und das dürfte auch nicht im Sinne der Opec sein.


[RTSXU]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2021)