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Pop

John Lennons "Imagine" wird 50: Kult oder Kitsch?

Yoko Onos "Grapefruit" lieferte die Initialzündung.
Yoko Onos "Grapefruit" lieferte die Initialzündung.(c) imago images/Ronald Grant (Mary Evans Picture Library via www.imago-images.de)
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Von der Geschichte eines Songs, dessen Text man wohl nicht allzu wörtlich nehmen sollte.

Inmitten der Corona-Pandemie war John Lennons wohl bekanntester Hit mal wieder in aller Ohren. Eine Reihe von Hollywood-Stars um Gal Gadot hatte ihn eingesungen und sich damit hart am Rande des Kitsches bewegt. Oder vielleicht darüber. Die Hymne für eine bessere Welt coverten zuvor bereits Stevie Wonder, Queen, Lady Gaga und unzählige andere Musiker: Seit 50 Jahren wird "Imagine" gespielt.

Am 11. Oktober, einen Monat nach dem gleichnamigen Album, wurde die Single in Großbritannien veröffentlicht. Vom Video ist man geblendet: John und Yoko, beide in Weiß, er am Flügel, der ebenfalls weiß ist. Ein weißer Raum. "Living life in peace . . ." Eine Orgie des Guten. Yoko Ono, die sich am Ende des Videos unmotiviert an den Flügel setzt, lieferte offenbar die Initialzündung: Ihr Gedichtband "Grapefruit" soll die Grundlage für "Imagine" gewesen sein. "Imagine the clouds dripping" ("Stell dir vor, die Wolken tropfen") heißt es in dem Buch unter anderem. Aus der abstrakten Lyrik der japanischen Künstlerin machte Lennon einen Songtext, dessen Botschaft jeder versteht. Mit großer Verspätung ist sie seit 2017 auch als Songwriterin eingetragen. Ex-Beatle Lennon hatte sich das zu Lebzeiten schon gewünscht.

Umstritten war seinerzeit nicht nur die atheistische zweite Strophe, die eine Welt ohne Religion imaginiert (und trotzdem hörte man das Lied auch bei manchem Jugendgottesdienst). 1980 sagte Lennon, er habe nur eine Welt "ohne religiöse Konfessionen, ohne dieses Mein-Gott-ist-besser-als-dein-Gott-Gehabe" im Sinn gehabt.

Sondern - aus ganz anderen Gründen - auch die dritte. "Imagine no possessions / I wonder if you can“. Als Heuchler wurde der Multimillionär Lennon, der mehrere teure Anwesen und Autos besaß, kritisiert. Was würde er wohl heute in den sozialen Medien zu hören bekommen? Lennon, der sich nicht auf Individuen bezog, sondern an die Gesellschaft dachte, war sich dessen bewusst. Wenn er den Song live sang, änderte er den Text und bezog sich selbst mit ein: "Imagine no possessions / I wonder if we can“.

"Das ist praktisch das Kommunistische Manifest"

Keine Religion, keine Grenzen, kein Besitz - der Ex-Beatle räumte später ein, dass die radikalen gesellschaftlichen Ideen in seinem Song eindeutige Parallelen zum Kommunismus hätten. "Das ist praktisch das Kommunistische Manifest, obwohl ich nicht gerade ein Kommunist bin und auch keiner Bewegung angehöre", sagte der Sänger im Interview dem "Playboy" - nur wenige Tage, bevor er 1980 von einem Fan vor dem New Yorker Dakota Building, in dem er lebte, erschossen wurde.

Rauf und runter gespielt wurde "Imagine“ übrigens auch nach den US-Terror-Anschlägen am 11. September 2001: Viele Radiosender setzten auf den Traum von einer besseren Welt ohne Krieg, Ungerechtigkeit und Hunger -  andere wiederum belegten ihn mit einem Sendeverbot belegt, denn die heile Welt passte nicht zu der patriotisch-militanten Stimmung mancher US-Amerikaner. 

Die Gedenkstätte "Strawberry Fields" ganz in der Nähe zum Dakota Building am Eingang zum Central Park erinnert an John Lennon. Die Inschrift: "Imagine". Straßenmusiker und pilgernde Fans singen dort oft seine Lieder - die man vielleicht einfach nicht zu wörtlich nehmen sollte.

 

(red./APA/dpa)