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Erinnern

Wien als Vorbild für Nazi-Terror: Zwei Ausstellungen geben Einblicke

GEDENKJAHR 2008: HITLER AM HELDENPLATZ 1938
Hitler am HeldenplatzAPA
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Am Heldenplatz beleuchtet eine frei zugängliche Outdoorschau Wiens Vorreiterrolle beim Antisemitismus und der Deportation von Juden. Eine Ausstellung am Wiener Hauptbahnhof gedenkt der Deportationen nach Lettland.

Jahrzehntelang gefiel sich Österreich in Bezug auf den Nazi-Terror in der Opferrolle. Dass Wien im Gegenteil sogar eine verbrecherische Vorreiterrolle hinsichtlich des Antisemitismus im NS-Staat und der Deportationen von Jüdinnen und Juden in die Vernichtungsstätten einnahm, macht nun die frei zugängliche Outdoorausstellung sichtbar. Zu sehen ist die Schau "Das Wiener Modell der Radikalisierung. Österreich und die Shoah" ab sofort am symbolträchtigen Heldenplatz.

Anlass für die acht Stationen umfassende Freiluftschau ist der 80. Jahrestag der ersten reichsweiten Deportationstransporte. Am 15. Oktober 1941 verließ der erste Zug mit 1.000 österreichischen Jüdinnen und Juden den Wiener Aspangbahnhof in das Ghetto Litzmannstadt/Lodz. Im Verlauf des folgenden Jahres folgen 39 weitere Transporte Zehntausender Menschen in die Konzentrationslager und Mordstätten des Regimes - hauptsächlich nach Theresienstadt.

„Zentralstellen“ nach Wiener Vorbild

Allerdings macht die Freiluftschau deutlich, wie früh Österreich bereits eine zentrale Rolle für die nationalsozialistische Politik spielte. So baute Adolf Eichmann 1938 die Wiener "Zentralstelle für jüdische Auswanderung" auf. Es war die erste Behörde dieser Art im NS-Staat, die die systematische Vertreibung und Beraubung der jüdischen Bevölkerung zum Ziel hatte. "Für Eichmann war Wien ein Karrieresprungbrett", sagte die Historikerin Annemarie Uhl als eine der drei Kuratorinnen bei der Ausstellungspräsentation am Freitag. Nach Wiener Vorbild werden auch in Berlin, Prag und Amsterdam entsprechende "Zentralstellen" eingerichtet.

AUSSTELLUNG ?DAS WIENER MODEL DER RADIKALISIERUNG. OeSTERREICH UND DIE SHOAH?
Acht Stationen hat die Freiluftschau am Heldenplatz.APA/HANS PUNZ

Auch bei den eigentlichen Todestransporten nahm Wien eine unrühmliche Pionierstellung ein. Im Oktober 1940 brachte der hiesige Gauleiter Baldur von Schirach bei Hitler seinen Plan vor, Wien als erste Großstadt im Deutschen Reich "judenfrei" zu machen. Nach vereinzelten Deportationen im Februar und März 1941 begannen Mitte Oktober desselben Jahres dann die reichsweiten Transporte.

Realisiert wurde das Ausstellungsprojekt vom Haus der Geschichte Österreich (hdgö) in Kooperation mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, dem Institut für Zeitgeschichte der Uni Wien und dem Verein zur Förderungen kulturwissenschaftlicher Forschungen. Sowohl hdgö-Direktorin Monika Sommer als auch Verfassungsministerin Karoline Edtstadler (ÖVP) betonten in einer Pressekonferenz am Freitag die "besondere historische Verantwortung Österreichs" hinsichtlich des Gedenkens an die Opfer der Nazi-Gräuel einerseits und des Kampfes gegen gegenwärtige Formen des Antisemitismus andererseits.

Die mit vielen Fotografien von Akten, Dokumenten, Opfern und Überlebenden angereicherte Ausstellung erzählt auch von Widerstand und Menschlichkeit - etwa von dem nicht-jüdischen Schularzt Josef Feldner, der den Jugendlichen Hans Busztin drei Jahre lang versteckte und so als einzigen seiner Familie vor dem Tod rettete. Derlei Geschichten seien wichtig, um auch in heutiger Zeit zu Zivilcourage zu ermutigen, unterstrich Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. In ganz Europa sei die Zahl antisemitischer Vorfälle zuletzt stark gestiegen.

Züge nach Riga vom Hauptbahnhof

Eine Ausstellung am Wiener Hauptbahnhof gedenkt den Deportationen vor 80 Jahren nach Lettland. Im Zeitraum von Dezember 1941 bis Februar 1942 wurden ca. 4.200 Jüdinnen und Juden vom heute nicht mehr existierenden Aspangbahnhof in Wien ins Ghetto nach Riga deportiert. Die meisten - darunter viele Kinder - wurden nach tagelanger Fahrt unmittelbar nach der Ankunft erschossen.

"Die Bahn war dabei eine der wichtigsten Stützen des Nazisystems. Ohne sie wäre die Kriegslogistik der deutschen Wehrmacht in dieser Form nicht umsetzbar gewesen. Die ÖBB bekennt sich zu ihrer Vergangenheit und setzt sich für eine aktive Erinnerungskultur ein", hieß es dazu in einer Pressemitteilung der ÖBB.

Der letzte von Wien nach Riga gesandte Transport traf im Februar 1942 ein. Beim Empfang am Bahnhof Skirotava wurde jenen Menschen, denen der kilometerlange Fußmarsch zum Ghetto zu beschwerlich erschien, Lastkraftwagen zur Fahrt ins Ghetto angeboten. Bei ihnen handelte es sich um getarnte Gaswagen.

Von den 1.000 mit diesem Transport aus Wien Deportierten erreichten nur 300 Personen das Ghetto zu Fuß. 400 meist ältere Menschen wurden im Wald vom Rumbula ermordet. Insgesamt überlebten nur rund 100 der aus Österreich stammenden Menschen das Ghetto, die Zwangsarbeit sowie die danach folgenden Einweisungen in diverse Konzentrationslager.

Initiiert wurde die Ausstellung von der Stadt Wien in Zusammenarbeit mit dem Nationalfonds und den ÖBB. Sie ist bis 30. November 2021 am Hauptbahnhof frei zugänglich. Eröffnet wurde sie heute im Beisein von Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ), ÖBB-Vorstandschef Andreas Matthä, dem israelischen Botshafter Mordechai Rodgold, der lettischen Botschafterin Guna Japina und dem Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, Oskar Deutsch.

 

(APA)