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Österreichs Medien tendieren zur Islamophobie

(c) REUTERS (CHRISTIAN CHARISIUS)
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Im Zuge von Integrationsdebatten ist der Islam regelmäßig Thema der Berichterstattung, selten im positiven Zusammenhang. Wissenschaftler orten islamfeindliche Stimmungsmache.

Der Islam ist eine Bedrohung für den Westen.“ Mit dieser Aussage gehen 54 Prozent der österreichischen Bevölkerung konform, wie eine Imas-Umfrage im Frühjahr 2010 gezeigt hat. Was für die einen eine natürliche Reaktion auf ihre Erfahrungen mit Zuwanderern ist, ist für andere ein Zeichen wachsender Islamophobie. Doch welche Rolle spielen Medien dabei? Zwar gebe es in Österreich keine Studien, die sich systematisch mit Islamophobie in den Medien beschäftigen, aber eine Reihe von Fallstudien, die islamophobe Tendenzen in den Medien bestätigen, so Farid Hafez. Der Politikwissenschaftler an der Universität Wien ist Mitherausgeber des Sammelbands „Islamophobie in Österreich“.

„Verallgemeinernd und flächendeckend“ könne man nicht von islamophober Berichterstattung sprechen, aber es gäbe Auffälligkeiten. Als konkretes Beispiel greift Hafez die Diskussion über die Aussage von Anas Shakfeh, dem Präsidenten der Islamischen Glaubensgemeinschaft auf. Dieser hat in einem Interview den Wunsch geäußert, dass in 50 Jahren eine Moschee in jedem Bundesland zur Normalität gehören solle. „Was in den Medien schlussendlich rezipiert wurde, war nicht sein Zitat“, sondern das, was die FPÖ ihm unterstellt hat. Nämlich diesbezüglich schon einen konkreten Plan und Forderungen zu verfolgen. „Es ist schon auffällig, wenn Medien Aussagen von rechts unhinterfragt aufgreifen.“ Wer sich in dem Glauben wähnt, dass es bezüglich islamophober Berichte große Unterschiede in Boulevard- und Qualitätsmedien gebe, irre sich. Hafez: „Man möge glauben, es sei so.“ An einzelnen Fallbeispielen zeige sich jedoch sehr klar: „Es ist nicht so.“

Islamophobe Tendenzen in den Medien sind für Elisabeth Klaus, Kommunikationswissenschaftlerin an der Universität Salzburg, ganz klar ersichtlich. Besonders seit 2001 werde der Islam mit terroristischen Strömungen gleichgesetzt. Er werde meist in „negativen Kontexten“ thematisiert und somit zum Feindbild aufgebaut. In einer noch nicht veröffentlichten Studie untersuchte Klaus mit ihren Mitarbeitern über ein halbes Jahr lang die „Kronen Zeitung“, den „Standard“ und die „Salzburger Nachrichten“ auf die Abbildungen von Frauen mit Schleiern und von Kopftuchträgerinnen. Die Ergebnisse waren ernüchternd. Es sei „erschreckend“, wie sehr das Kopftuch ein Symbol für „das Fremde, Schlimme und andere“ darstelle.

Davon kann auch Gülsüm Namaldi ein Lied singen. Die Jungpolitikerin trat im Rahmen der Wien-Wahl für die SPÖ an. Da sie ein Kopftuch trägt, haben sich Journalisten in erster Linie nach ihrem Verhältnis zur Trennung von Religion und Staat erkundigt, so Namaldi. „Man hat sich mehr dafür interessiert, was auf meinem Kopf ist, als was drinnen ist.“ Obwohl die Berichterstattung über sie „im Allgemeinen o. k.“ war, kam sie nicht umhin, auch Berichte über sich wiederzufinden, die sie als islamophob einstufen würde. Just aufgrund der Tatsache, dass sie ihr Religionsbekenntnis sichtbar mache, müsse sie sich den Vorwurf von extremem Konservatismus gefallen lassen. Das sei voreingenommen und für Journalisten im Jahr 2010 ein Rückschritt, befindet Namaldi.

 

Legitime Islamkritik

Wer sich klar zum Islam bekenne, müsse auch mit Islamkritik rechnen, so Cahit Kaya, Vorsitzender des Zentralrats der Ex-Muslime. Der Zentralrat ist ein Zusammenschluss von Menschen, die einen muslimischen Hintergrund haben, sich aber vom Islam ab- und der Islamkritik zugewendet haben. Mit dem Begriff Islamophobie kann Kaya wenig bis gar nichts anfangen. Man wolle „orthodoxe Muslime damit bewusst in eine Opferrolle drängen“. Zudem sei es ein Versuch der Zensur an berechtigter Islamkritik. Ohnehin gebe es zu wenig solcher kritischer Stimmen. „Natürlich gibt es islamkritische Stimmen, die ich selber nicht gut finde.“ Etwa, wenn sie in Richtung Fremdenfeindlichkeit gingen. Es müsse zwischen orthodoxen, säkularen Muslimen und auch Aleviten unterscheiden werden – eine allgemeine islamfeindliche Berichterstattung kann Kaya aber nicht erkennen.

Die mangelnde Differenzierung kritisieren sowohl Farid Hafez als auch Elisabeth Klaus. Wegen eines Fanatikers müsse man nicht alle Imame in Geiselhaft nehmen, so Hafez. Die Grenze zwischen Islamkritik und Islamophobie mag nicht jedem Leser, aber auch nicht jedem Journalisten klar sein. Gerade deshalb brauche es mehr Sensibilität und ein besseres Bewusstsein für Islamophobie aufseiten der Journalisten, so Hafez und Klaus unisono.

Dass der Islam in Österreich ein kontroverses Thema ist, liegt nicht unbedingt daran, dass in Österreich viele Muslime leben. Schätzungen der Islamischen Glaubensgemeinschaft zufolge handelt es sich etwa um 400.000 Muslime, was nur rund fünf Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht. Aber da der Großteil von ihnen aus der Türkei stammt und gerade türkische Migranten vermehrt im Mittelpunkt der Integrationsdebatte stehen, hat sich der Islam zu einem mehr oder minder tagesaktuellen Thema entwickelt. Das Problem sei die Religionisierung des Diskurses und dass soziale Phänomene auf der Ebene von Religion thematisiert werden, so Hafez.

Nicht unwesentlich ist dabei, wer an einem solchen Diskurs überhaupt teilnehmen kann. Birol Kilic, Herausgeber der türkischsprachigen Zeitung „Yeni Vatan Gazetesi“ empfindet die Vertreter der muslimischen Seite als äußerst problematisch. Die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich, die als Sprachrohr der Muslime gilt und von Medien und Politik als Ansprechpartner gehandhabt wird, vertrete im Grunde eine „traditionelle, arabische Lebensweise und den politischen Islam“, so Kilic. Sie seien keine Islamvertreter, mehr noch, sie „gießen Öl ins Feuer“. Tendenziell sei die österreichische Medienlandschaft „islamskeptisch“. Die Ursache dafür sieht Kilic in der „Unkenntnis und Nichtunterscheidung zwischen Fundamentalismus, politisiertem und traditionellem Glauben“. Doch die Muslime selbst will Kilic auch nicht aus der Pflicht nehmen: Sie müssten sich mehr um Aufklärung bemühen.

Auf einen Blick

Der Begriff Islamophobie ist in den 1980er-Jahren aufgekommen. In Österreich gibt es keine umfassende Studie, die Islamophobie in den Medien untersucht, dafür häufen sich Fallstudien, die sich mit Darstellungen und Diskursen über den Islam beschäftigen. 2009 haben Farid Hafez und John Bunzl den Sammelband „Islamophobie in Österreich“ herausgegeben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2010)