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Radka Denemarková (Archivbild)
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Literatur

Der Mann mit den Hundeaugen

Die tschechische Autorin Radka Denemarková ist zugleich Chronistin, Zeugin und Mahnerin. In ihrem vielschichtigen Opus magnum „Stunden aus Blei“ entlarvt sie das „System China“, das globale Ausmaße anzunehmen droht.

Es ist einfach zu behaupten, jemand hätte einen bemerkenswerten Roman verfasst: einen, den man gelesen haben muss, weil er ein Kaleidoskop menschlichen Unvermögens zu benennen weiß. Gewiss obliegt eine solche Mammutaufgabe großen Schriftsteller:innen, die unsere Vergangenheit und Zukunft (auf immerhin fast 900 Seiten) aufzuzeigen vermag.

Radka Denemarková ist unzweifelhaft die wichtigste zeitgenössische Schriftstellerin der Tschechischen Republik – scharfzüngig, entlarvend und nicht korrumpierbar. Ihr umfassendes Wissen über totalitäres Denken, ihre analytische Sicht auf das Versagen unserer Gesellschaften, ihre Wortgewalt und ihr schelmisches Dagegenhalten sprechen für sich. In den Medien gilt sie als eine tschechische Elfriede Jelinek, weil sie die (literarische) Provokation wie kaum jemand anderer beherrscht: Sie bricht Tabus, widersetzt sich Ideologien und ist für die nationale Literatur richtungsweisend.

Ihr „China-Roman“ nimmt uns auf eine Reise mit, die vielschichtiger nicht sein könnte: „Europa ist ein Ameisenhaufen. Die Ameisen stinken nach klebriger Angst, schichten ständig ihren Besitz um und ziehen Mauern hoch. Das hilft nichts. China kauft sich die Welt. Totale Marktwirtschaft gegen freie Marktwirtschaft. China ist ein Konzentrationslager mit undurchlässigen Grenzen. China ist ein blühender Garten. Das ist kein Widerspruch.“

Es wird schnell offensichtlich, dass Denemarkovás Protagonisten (Geheimdienstler, Günstlinge, Anwälte, die Schriftstellerin, ein denkender Kater etc.) dramaturgisch unterschiedlichste Positionen einnehmen, die unsere und die chinesische Sicht- und Handlungsweisen abbilden. Auf den zweiten Blick wird jedoch weitaus mehr verhandelt: das zwiespältige Verhältnis zwischen Männern und Frauen (erst recht in China), der Kapitalismus und die ihm innewohnende Gier, die Scheinheiligkeit der Europäer:innen, das Machtgefälle zwischen älteren und jüngeren Generationen, urbanen und ruralen Landstrichen etc. Fast schon beiläufig wird die moralische Verkommenheit angesprochen, die jegliche Hoffnung auf Wandel untergräbt. „Jeder Kontakt zu einer der größten Wirtschaften der Welt verheißt Erfolg, versichert unser Mann mit den Hundeaugen und dem wehrlosen Schnauzer. Kontakt zu einer Wirtschaft, die nicht durch die Demokratie, sondern durch modernen Maoismus und Stalinismus gestählt ist; in den Adern unserer Länder fließt das gleiche Blut, wir werden uns verstehen.“