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1937. Marie Jahoda erhielt die Auflage, das Land zu verlassen. Am 26. Jänner jährt sich ihr Geburtstag zum 115. Mal.
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1936 bis 1937 im Kerker

Die Akte Marie Jahoda

Zum 115. Geburtstag: Mit der Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ ist Marie Jahoda weit über wissenschaftliche Kreise hinaus berühmt geworden. Weniger bekannt sind ihr politisches Engagement in den Dreißigerjahren und ihre Haft in austrofaschistischen Kerkern von November 1936 bis Juli 1937.

Lang hat es gedauert, bis die Universität Wien ihren Forscherinnen Denkmäler setzte. Bis vor wenigen Jahren war Marie von Ebner Eschenbach die einzige Frau, die mit einer Gedenktafel geehrt wurde. Erst anlässlich der 650-Jahr-Feier im Jahr 2016 waren sieben weitere Denkmäler für Wissenschaftlerinnen errichtet worden, darunter eines für die Sozialpsychologin Marie Jahoda.

Marie Jahoda ist als Hauptautorin der Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ bekannt, die vor knapp 100 Jahren die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf das Sozialgefüge eines kleinen österreichischen Ortes untersuchte. Am 26. Jänner jährt sich Jahodas Geburtstag zum 115. Mal. Ihre Biografie ist weithin bekannt, von der Marienthal-Studie über das Exil in Großbritannien und den USA bis zu ihrer Professur an der University of Sussex in England, wo sie die Disziplin der Sozialpsychologie prägte. Weniger bekannt sind die Jahre, die unmittelbar vor ihrer Vertreibung aus Österreich liegen: ihr politisches Engagement und ihre Haft in den austrofaschistischen Kerkern 1936 und 1937. Dazu liegt nun die Publikation „Akteneinsicht. Marie Jahoda in Haft“ vor, herausgegeben von Johann Bacher, Waltraud Kannonier-Finster und Meinrad Ziegler, die sich dem Gerichtsakt zum Fall Marie Jahoda widmet.

Wie viele andere Wiener:innen ihrer Generation nimmt Jahoda schon in jungen Jahren am politischen Leben in den Jugendorganisationen des Roten Wien teil. Im sozialistischen Wanderbund organisiert sie tagelange Wanderungen mit Dutzenden Jugendlichen, in der Vereinigung sozialistischer Mittelschüler, deren Wiener Obfrau sie ist, hält die damals 19-Jährige beim Mai-Aufmarsch 1926 eine Brandrede für eine Schulreform. „Ich sprach mit Leidenschaft gegen das bestehende elitäre System“, erinnert sie sich später, „und für eine freie, staatlich finanzierte höherer Schule für alle bis zum Alter von achtzehn Jahren.“ Mehr als nur ein „Gut“ in Betragen in ihrem Maturazeugnis und eine Beschimpfung durch ihren Schuldirektor als „Verräterin“ hat sie zu dem Zeitpunkt für ihre Aktivitäten noch nicht auszubaden. Das ändert sich nach den Bürgerkriegstagen von 1934 schlagartig, als sämtliche sozialdemokratische Aktivitäten verboten werden.