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Männermode

Saisonale Verwirrung, ein endgültiger Abschied und Dior-Birkenstocks

Dior Homme Show in Paris
Dior Homme Show in ParisREUTERS (VIOLETA SANTOS MOURA)
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In Paris wurde Männermode für den Herbst 2022 gezeigt: Virgil Ablohs letzte Kollektion für Louis Vuitton, ein neuer Designer bei Kenzo und eine Schar illustrer Gäste sorgten für ausreichend Gesprächsstoff.

Pharrell Williams mit überladen glitzernder Sonnenbrille, die er für Tiffany & Co. entworfen hatte, Ye (ehemals Kanye West) und seine Partnerin Julia Fox im Doppel-Denim-Patnerlook: Für die Modewochen legen sich auch Celebritys gern ins Zeug, insbesondere dann, wenn sie wieder vor Publikum stattfinden, was in den letzten Saisonen nicht immer der Fall war. Der Auflauf bekannter Namen - etwa auch Pusha T und Tyler, the Creator - steckt das Ende einer covidbedingt ruhigen Menswear-Saison ab und läutet gleichzeitig die gleich im Anschluss startenden Haute-Couture-Schauen ein.

17 physische Schauen gab es diesmal in Paris zu sehen, darunter Dior, Louis Vuitton, Loewe, Kenzo und Hermès. 29 weitere Labels präsentierten ihre Kollektion abseits des Laufstegs, aber ebenfalls in physischer Form, etwa auch der Südtiroler Andreas Steiner mit seiner Modemarke Rier. 30 Teilnehmende zeigten ihre neuen Entwürfe in rein digitaler Form.

Am sehnlichsten erwartet wurde diese Saison innerhalb der Modebubble vermutlich Zweierlei: Nigos Debüt für Kenzo und Virgil Ablohs schließende Kollektion für Louis Vuitton, nach seinem Tod im November vergangenen Jahres.

Aufleben bei Kenzo

Zwei Monate nach dem Tod von Labelgründer Kenzo Takada verließ Kreativdirektor Felipe Oliveira Baptista seinen Posten bei der LVMH-Marke Kenzo; seine Nachfolge als Designer trat die japanische Streetwear-Ikone Nigo an. Der japanische Unternehmer hat zuvor bereits bei Louis Vuitton gearbeitet - er sei es übrigens auch gewesen, der Virgil Abloh erstmals Michael Burke, CEO von Louis Vuitton, vorstellte. Als Kreativdirektor von Kenzo fütterte er die Kollektion mit so einigem aus dem Archiv.

(c) Monica Feudi

Der Mohnblumenaufdruck etwa, der in den 80er-Jahren zentraler Bestandteil der Marke war, fand sich in reformierter Version auf Hüten, Jeans, Westen und Hemden wieder. Ebenfalls wiederbelebt wurden Stofftierschals aus Strick und Fleece. Eine Abwandlung des Mohnblumenprints - eine Version mit mehr Blattwerk - spielt mit offensichtlicher Interferenz von Camouflage. Womöglich die Darstellung einer Kluft zwischen sanfter Flora und kriegerischer Heftigkeit.

(c) Monica Feudi

Auch spielt Nigo mit stereotypischen Aspekten des französischen Chics - Baskenmützen inklusive - und traditionsreichem japanischem Handwerk. Schwere Kimonojacken in Marine, Grau und Oliv und karierte Schützen, als eine Art Weste über Anzügen getragen, scheinen Abwandlungen japanisch traditioneller Kleidungsstücke zu sein.

(c) Monica Feudi

Ein sich schließender Kreis

380 Gäste begrüßte Louis Vuitton zu jener Schau, die das Ende einer Ära markieren sollte. Nach dem Tod des Designers und Kreativdirektors Virgil Abloh, weiß bis dato niemand so recht, wie es nach dieser Saison weitergehen soll. Man schien sich deshalb umso mehr auf den Abschluss eines vermissten Modetalents fokussieren zu können. Mit dem Soundtrack von Tyler, the Creator, der selbstverständlich auch einen Stuhl in erster Reihe besetzte, wurde die Kollektion sowie Einlagen von Tänzern und Trampolin-Reformer untermalt.

(c) REUTERS (VIOLETA SANTOS MOURA)

Mit den acht von ihm entworfenen Kollektionen verschaffte Abloh dem Luxusmaison während neue Reichweite. „Louis Dreamhouse“ heißt die letzte Kollektion, deren Bühnenbild wie ein zweischneidiges Schwert schien. Zu Bruch gegangene Stücke eines Hauses lagen als Teil der Showarchitektur quer über den Laufsteg verstreut, das Haus selbst drohte unterzugehen.

(c) REUTERS (VIOLETA SANTOS MOURA)

67 Models und 20 Tänzer präsentierten Ablohs finale Looks. Es gab Blumensträuße an Stelle von Taschen, üppige Anzüge, teils mit Juwelen verziert auf der einen Seite, schräge Käppis, Neon-Brillen und College-Jacken auf der anderen. Bis zuletzt hatte Abloh versucht, Grenzen auszulöschen und Eleganz fast mit Streetwearhaftem herausgefordert.

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Durch und durch dandy

Dior und Hermès waren hier wesentlich einspuriger unterwegs. 500 Gäste - etwa die Hälfte einer vor Corona ausgerichteten Schau - lud man zur Schau Dior Homme am Freitag ein, darunter niemand geringeres als Naomi Campbell, Sänger J Balvin und „Emily in Paris“-Darsteller Lucien Laviscount in der ersten Reihe.

Kim Jones, der die meisten seiner Dior-Kollektionen in Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Schriftstellern entworfen hat, konzipierte seine Hommage an das 75-jährige Bestehen des Modehauses quasi im Alleingang (abgesehen von einer neuen Kooperation mit Birkenstock). Seiner Kollektion liegen Kultstücke des Dior-Archivs zugrunde - etwa die Barjacke, oder der Wickelmantel, die Jones mit Entwürfen aus seinem eigenen Archiv als Designer verschmolz.

(c) REUTERS (VIOLETA SANTOS MOURA)

Ebenfalls mondän ging es bei Hermès zu. Ganz dem Dandyismus verschrieben hatte sich Designerin Véronique Nichanian. Mit Rollkrägen, Feinstrick-Cardigans und weit geschnittenen Anzughosen zeigte sie, wie derzeitig ein Dandy aussehen könnte. Akkurate Schnitte, schimmernde Stoffe, Zipp-Details holten die bürgerliche Ästehtik in die Gegenwart.

Filippo Fior
Filippo Fior

Zwischen zwei Welten

Die Looks der spanischen Brand Loewe, für die Jonathan W. Anderson als Designer zuständig ist, muteten zunächst bizarr an. Shorts zu Wollmänteln oder Stricksturmhauben und dicken Stiefeln etwa sorgten für leichte Verwirrung bei den Betrachtenden. Man habe saisonale Konnotationen bewusst in eine zeitliche Leere gedrängt, lautete der Kommentar. Sturmhauben mit herzförmigen Gesichtsausschnitten spielten auf digitale Likes an, am Saum verdrehte Shirts und Shorts auf Retusche-Fauxpas, die so manche von Social Media kennen mögen (Stichwort: Facetune). Auch der Hintergrund war eine Anspielung auf verzerrte Bilder im Netz - so abstrakt, dass kaum mehr etwas erkennbar ist.

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Auch sorgen beleuchtete Hosenbunde, mit LEDs bestückten Overalls und vergoldete Flecken auf Mantelböden für surreale Konnotationen. Das Modehaus hat im wahrsten Sinne des Wortes die Archetypen der Männerkleidung in ein verdrehtes Licht gerückt, in dem normale Kleidungsstücke völlig abnorm dekonstruiert wurden.

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Vernetzt mit der Heimat

Ebenfalls in Paris präsentierte Rier, das im Jahr 2019 in derselben Stadt vom Südtiroler Andreas Steiner gegründete Label. Sein Know-How ist unter anderem von der Arbeit in großen Maisons wie Prada gesprägt, seine Kollektionen stark von der Topografie seiner Heimat. Auch die neueste war inspiriert von seinen Erinnerungen an das raue Bergleben in den Alpen, optisch wie funktional. Denn Steiners Entwürfe stehen vor allem für eine zeitgenössische Vorstellung von Pragmatismus. Steiner bezieht viele seiner Stoffe aus Österreich, in Paris ist er für seine kompromisslose Qualität bekannt.

Kira Bunse

Seine aktuelle Kollektion umfasste erstmals handgefertigte Drucke
und Indigofarben, aber auch Lederaccessoires und Sterlingsilber-Schmuck. Das Herzstück, wie er selbst findet, sei aber ein von südtirolerischer Tracht angeregter Mantel, gefertigt aus österreichischem Loden. Minimalistisch geschnitten, mit breiter Schulterpartie. Das Kastenförmige zieht sich durch all seine Stücke.

Kira Bunse

(evdin)