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Interview

Historikerin Andrea Komlosy: „Auch eine bettelnde Person verrichtet Arbeit“

Die Lohnarbeit dominiere noch immer unsere Vorstellung von Arbeit, sagt die Historikerin Andrea Komlosy. Aber wir werden flexibler.

Frau Komlosy, wer bewertet heute, in der postindustriellen Welt, eigentlich den Wert der Arbeit?

Andrea Komlosy: Es gibt den materiellen Wert, der sich für den arbeitenden Menschen im Lohn widerspiegelt. Auf der anderen Seite erzielen Unternehmer Mehrwert davon, sie können das Produkt verwerten. Dann stellt sich die Frage, wie die bezahlte Arbeit im Sinn von Anerkennung und Achtung bewertet wird. Ist es erfüllend für die arbeitenden Personen? Wird die Arbeit von der Gesellschaft anerkannt? Ich kann für eine Arbeit keinen Lohn bekommen, aber Anerkennung. Eine weitere Frage lautet ja, ob Ehrenamt Arbeit oder Freizeit ist. Aber nicht jede unbezahlte Tätigkeit ist Arbeit. Wenn ich Klavier spiele, ist es für mich ein Vergnügen, aber ein anderer verdient Geld damit. Es kommt also auf den Kontext an.

Der offiziell arbeitslose Mensch kann mehr arbeiten als der arbeitende. Wann arbeiten wir dann nicht?

Ich habe einen breiten Arbeitsbegriff und sehe alle Tätigkeiten, bezahlt oder unbezahlt, angenehm oder unangenehm, als Arbeit an, die geleistet werden, um das Überleben zu sichern. Wenn wir in die Geschichte zurückblicken, sehen wir, dass bezahlte und unbezahlte Arbeiten immer miteinander verbunden waren, zum Beispiel in der häuslichen Familienwirtschaft der Bauern und Handwerker. Das ist bis heute so, allerdings wird die unbezahlte Arbeit nicht mehr als Arbeit angesehen. Es gibt in der wissenschaftlichen Debatte den Begriff „non work“, er wird als eine Arbeit verstanden, die von der Gesellschaft nicht anerkannt wird. Eine bettelnde Person zum Beispiel ist der Ausdruck einer gesellschaftlichen Schieflage. Ich finde trotzdem, dass diese Person Arbeit verrichtet.