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Randerscheinung

Die Krux des Vegetarierseins

Carolina Frank
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Als Vegetarier ist man nicht auf Diät, man lebt auch nicht irgendwie „gesund“, sondern man isst – Trommelwirbel – kein Fleisch.

Der Mittlere ist ja Vegetarier. Das wäre im Jahre 2022 wirklich keinen Halbsatz mehr wert, wäre es im Jahre 2022 in Österreich nicht immer noch so überraschend schwierig, das auch zu leben. Jüngst wieder bei einer heimischen Fluglinie, wo die Be­­stellung eines vegetarischen Menüs ­(digital bei der Buchung Monate im ­Voraus) dazu führt, dass die Gemüsepenne, die eh alle bekommen, begleitet werden von einer Reiswaffel (!) und als Nachspeise statt dem trockenen Altersheimkuchen ein paar Stücke Melone, Ananas und Traube kommen.

Das ist natürlich völlig egal, zeigt aber schon die immer noch blanke Konfusion darüber, was es heißt, sich vegetarisch zu ernähren. Also kurz zur Klarstellung (Sie wissen das freilich): Als Vegetarier ist man nicht auf Diät (siehe Reiswaffel), man lebt auch nicht irgendwie „gesund“ (siehe Obst statt Kuchen), sondern (as simple as that) man isst – Trommelwirbel – kein Fleisch. Die Dialoge, die der Mittlere dazu regelmäßig führen muss, lauten: „Du bist also Vegetarier?“ – „Ja.“ – „Du isst also kein Fleisch?“ – „Nein.“ – „Gar keines?“ – „Nein.“– „Auch kein Huhn?“ – „Auch kein Huhn.“ – „Und Fisch?“– „Keinen Fisch.“ – „Und wie ist das mit Eiern?“ . . .

Der Mittlere ist übrigens politischer Vegetarier. Er hat mit 17  Jahren aufgehört, Fleisch zu essen, weil er es falsch fand, obwohl Paprikahendl sein Lieblingsgericht war und er Sushi liebte. Meine Mutter zum Beispiel hat, ohne ein Wort darüber zu verlieren, schon zu einer Zeit, in der viele fanden, Salat tauge nur für Nagetiere, praktisch nie Fleisch gegessen, obwohl sie es täglich zubereitet hat. Unser Jüngster verweigert inzwischen das Essen von Wurst und Würsteln komplett. Und er isst keinen Fisch, „der Augen hat“. Eine besondere ­Vegetarier-Unterform, die man auch bei der AUA nicht kennen muss.

("Die Presse Schaufenster" vom 29.04.2022)