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Papst-Interviewer: "Bin kein Hofberichterstatter"

Papst-Interviewer:
Papst-Interviewer: "Bin kein Hofberichterstatter"(c) L'Osservatore Romano
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Der deutsche Journalist Peter Seewald hat den Papst interviewt und daraus ein Buch gemacht. Im Gespräch erzählt er, wie es dazu kam und wieso sich Joseph Ratzinger als Papst nicht verändert hat.

Als "Spiegel-Reporter" interviewte der Münchner Journalist Peter Seewald (56) Skinheads und Fußballfans. Für das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ führte er Anfang der 1990er ein Interview mit Kardinal Ratzinger – dem Mann der später Papst werden sollte. Das prägte Seewald. Als erster Journalist überhaupt bekam er nun einen Interviewtermin bei dem Oberhaupt der Katholischen Kirche. Das Ergebnis heißt „Licht der Welt“ und ist seit Mittwoch in Buchform erhältlich. „Die Presse am Sonntag“ sprach mit Peter Seewald darüber, was ein Papstinterview für einen Reporter bedeutet, über die Auswahl der Fragen – und über den Menschen, der sich hinter dem Papst verbirgt.
 
Die Presse am Sonntag: Herr Seewald, schon im Vorfeld der Erscheinung Ihres Buches gab es großen Medienrummel. Sie selbst hetzen gerade von Termin zu Termin und sind ein gefragter Interviewpartner. Sind Sie stolz auf Ihren Erfolg?
Peter Seewald: Es ist schon ein großes Privileg und eine Ehre das erste Interview in dieser Form mit einem Papst zu führen. Das ist eine große Aufgabe, vor der ich Respekt empfinde. Und es ist etwas Besonderes – wohl eine der größten Geschichten, die man in einem Journalistenleben erleben kann.
 
Wie kam es überhaupt zu dem Termin?
Ich habe ja schon mit ihm als Kardinal zwei Bücher gemacht, und wir stehen seit vielen Jahren in Kontakt. Ich habe ihn auch seit 18 Jahren als Journalist beobachtet und begleitet, was er sagt und tut. Es war mir nun ein Anliegen ihn als Papst zu befragen. Der Ansatz war: einen Schwenk zu machen über die ersten fünf Jahre des Pontifikats, und auch über die Neuerscheinung des zweiten Bandes seines Jesusbuches.
Und dann haben natürlich die aktuellen Krisenfälle, insbesondere der schreckliche Missbrauchsskandal diesem Projekt eine zusätzliche Brisanz gegeben. Und der Papst war bereit, mir offen im Castel Gandolfo in seinen Sommerferien Rede und Antwort zu stehen.
 
Doch es war sicherlich nicht so einfach an den Papst heranzukommen, um dieses Projekt zu verwirklichen.
Ja, das ist sicherlich keine Geschichte, die man in ein paar Tage oder Wochen beantwortet bekommt. Meine erste Anfrage zu dem Projekt liegt schon einige Jahre zurück. Ich habe es aber immer wieder versucht, und ich bin sicher nicht der einzige Journalist, der es versucht hat. Aber Ende April, Anfang Mai kam das okay, dass ich da machen kann.
 
Wie erklären Sie sich, dass der Papst Ihnen ein „Ja“ zum Interview gegeben hat, während alle anderen Journalisten bislang immer eine Absage bekommen haben?
Das weiß ich nicht so genau, aber ich glaube, dass da einige Sachen zusammenkommen: Zum einen kennen wir uns ja schon viele Jahre. Wir sind beide bayrischer Herkunft, und sprechen daher dieselbe Sprache: bayrisch. Es ist ein Vertrauen zwischen uns gewachsen. Und ich denke, der Papst schätzt es, wenn man ihm nicht buckelnd die Fragen stellt – sondern das formuliert, was in der öffentlichen Diskussion behandelt wird. Aber wie gesagt, ich habe ihn selbst noch nie danach gefragt: Warum ausgerechnet ich? Manches ist einfach Schicksal, manches wird einem einfach auf dem Weg gegeben. Das ist mein Weg. Der Weg des Papstes und meiner haben sich gekreuzt – und dann ergibt sich so eine Geschichte.
 
Sie haben bereits zwei Interviews mit Kardinal Joseph Ratzinger geführt – nachzulesen in den Büchern "Salz der Erde" und "Gott und die Welt". War der Kardinal anders zu interviewen als der Papst?
Nein, überhaupt nicht. Das war auch für mich eine spannende Frage: Was wird sich da jetzt verändert haben? Natürlich sind die äußeren Bedingungen anders. Und natürlich gibt einem das Amt einen gewaltigen Nimbus. Aber dahinter ist sich der Mensch Joseph Ratzinger treu geblieben. Er ist eine authentische Persönlichkeit. Er ist eine äußerst liebenswürdige Person, jemand der einem entgegenkommt. Er ist jemand, der auch nicht die Aura eines Kirchenfürsten ausstrahlt, sondern eines Kirchendieners. Joseph Ratzinger ist immer noch so, wie ich ihn kennengelernt habe. Natürlich ist er älter geworden. Das ist ihm auch anzumerken. Und natürlich ist ein Papst in manchen Antworten auch diplomatischer in der Formulierung. Das was er sagt ist schließlich von großer Bedeutung. Das kann man auch gerade in der Diskussion um die Kondomfrage sehen.
 
Sie haben den Papst in ihrem Buch "Licht der Welt" auch mit vielen aktuellen Fragen konfrontiert: Von Frauenpriestertum, über Empfängnisverhütung, bis zum Burkaverbot. Gab es einem Moment, wo Sie dachten: Kann ich dem Papst das wirklich fragen?
Mir war es schon wichtig, dass wir nicht über etwas reden, das an der gesellschaftlichen Realität vorbei geht. Ich bin ja kein Hofberichterstatter, sondern politischer Journalist. Und wenn man die Gelegenheit hat, den Papst für ein Interview zu bekommen, dann muss man ihn auch mit den Fragen konfrontieren. Und Ratzinger ist niemand, der Scheu hätte vor kritischen Fragen. Er ist niemand, der einem keine Antwort geben könnte. Das sieht man auch an dem Buch, dass nichts unter den Tisch gekehrt worden ist. Und der Papst hat auch nicht irgendwelche Fragen vorsortieren lassen oder zurückgewiesen. Er hat offen und ungeschminkt geantwortet. Aber es ist klar, dass die Würde des Amtes allzu private Fragen verbietet.
 
Wie lange haben Sie an der Zusammenstellung der Fragen gearbeitet?
Die Zeit war relativ kurz. Insgesamt waren es zwei bis drei Monate. Das erscheint einem vielleicht nicht kurz, aber mir kam es so vor. Es ist nicht leicht ein Konzept zu entwickeln und das große Panorama abzufragen. Wir haben uns mit der Krise der Kirche auseinandergesetzt, gleichwohl aber auch mit der Krise der Gesellschaft. Viele brennende Fragen, die sich heute stellen – Umweltproblematik, Finanzwirtschaft – und viele gesellschaftliche Probleme, die man so früher nicht kannte. Und die Zeit ist dann auch nicht so lang. Sechs Stunden Interview mit dem Papst klingt viel – aber es ist gleichzeitig auch sehr wenig, wenn man dieses große Spektrum abfragen möchte. Da muss man gut vorbereitet sein.
 
Hat die Zeit ausgereicht, alle Fragen zu stellen, die Sie vom Papst beantwortet haben wollten?
Nein, natürlich nicht. Das kann man auch nicht so genau berechnen. Man bereitet mehrere Fragen vor, will mehr aus der Zeit heraus holen – dann gelingt einem das ein oder andere doch nicht. Ich hätte ganz gerne die ein oder andere Problematik intensiver nachgefragt. Beispielsweise hätte ich mich gerne mit der zunehmenden Christenverfolgung weltweit näher auseinandergesetzt. Oder auch die Frage nach dem Integrationsdialog mit der muslimischen Welt. Aber ich glaube, dass ich dennoch viele Antworten auf die Fragen bekommen habe, die die öffentliche Debatte bestimmen.
 
Wie hat man sich die Interview-Situation vorzustellen. Sie haben sich mit dem Papst ja an sechs Tagen jeweils eine Stunde getroffen. Gab es eine Eieruhr?
Eine Stunde war ausgemacht. Das ist eine gute Zeit, in der man sich gut konzentrieren kann. Dann ist die Stunde vorbei und man verabschiedet sich – nächste Sitzung. Es gab natürlich eine Uhr, auf die man immer schaut. Man will sein Programm ja durchziehen. Und dummerweise habe ich auch einen alten Kassettenrekorder dabei gehabt, der nur eine Stunde Aufzeichnungszeit hatte. Der hat nach Ablauf der Stunde dann immer „Klacks“ gemacht. Und daher war es grundsätzlich klar für den Moment zu unterbrechen und am nächsten Tag weiterzumachen.
 
Sie haben bereits gesagt, dass der Papst sehr offen auf Ihre Fragen geantwortet hat. Gab es irgendwelche Antworten, die sie besonders überrascht haben?
Da gibt es viele. Benedikt XVI. interpretiert das Papstamt auf seine eigene Weise. Er bringt eine sehr große Dialogbereitschaft und Offenheit mit. Ratzinger ist gerade auch in den Fragen der Ökumene sehr überraschend und überzeugend. Und auch in der Frage der Aidsproblematik. Jeden einzelnen Punkt auszuführen würde aber das Gespräch sprengen.
 
Nach ihrer Zeit als Oberministrant sind Sie aus der Kirche ausgetreten, waren kurze Zeit sogar Kommunist – um dann viel später wieder in die Katholische Kirche einzutreten. Bestätigen Sie die Antworten des Papstes auf Ihr Interview in dieser Entscheidung?
Ja, auf jeden Fall. Der Katholizismus ist etwas, was eine große Überzeugungskraft hat. Es ist etwas, das das Herz berührt, aber auch den Verstand. Man fühlt sich immer auch bestätigt, wenn einem ein Mensch, der ein großer Denker ist und der auch eine große spirituelle Gabe hat – ein begnadeter Theologe ist, Dinge erklärt, die einem vielleicht nicht ganz verständlich waren. Es ist ja nicht so, dass man alle Antworten für sich akzeptieren muss. Aber man muss sich mit den Fragen auseinander setzen. Und wenn man sich im Gespräch mit dem Papst damit auseinander setzt, wird einem vieles auch deutlicher. Doch mein Glaube hängt nicht von davon ab.

("Die Presse am Sonntag", Print-Ausgabe, 28. 11. 2010)

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