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Unesco: Ranggeln und dudeln für immer

(c) EPA (YOAN VALAT)
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Alte Sitten und Bräuche dürfen nicht aussterben, findet die Unesco. 47 Kulturgüter wurden heuer als schützenswert definiert. Die Bemühungen ums immaterielle Kulturerbe führen mitunter zu seltsamen Ergebnissen.

Es beginnt mit einem Aperitif zum Aufwärmen. Danach folgen mindestens eine Vorspeise, mindestens eine Hauptspeise, Käse und Dessert. Währenddessen wird getratscht, gestritten und über die Regierung geschimpft. Zum Abschluss gibt es Likör oder Cognac. Und wer dann noch bei Kräften ist, hilft beim Tischabräumen.

So ungefähr läuft es ab, wenn sich eine französische Familie zu einem Festessen trifft. Unter drei, vier Stunden lässt sich so ein Event nicht absolvieren. Das gemeinsame Schmausen ist eine schöne Tradition und jedenfalls viel netter, als miteinander schnell ein paar Wurstsemmeln hinunterzuwürgen. Aber stellt die Völlerei der Franzosen deshalb schon ein schützenswertes Kulturgut dar?

Ja, findet die Unesco und ernannte die „französische Speisefolge“ vor Kurzem zum „immateriellen Kulturerbe“. Ebenfalls auf der Liste stehen nun unter anderem der spanische Flamenco, die chinesische Akupunktur, die iranische Teppichknüpfkunst sowie die Falknerei, für die sich gleich mehrere Länder verantwortlich fühlen. Eine Liste mit besonders bedrohten Künsten führt die Unesco nebenbei auch noch. Darauf findet sich Exotisches wie die südchinesische Dschunkenbautechnik, die angeblich nur noch von drei Menschen beherrscht wird, und das Festival „Meshrep“ der uigurischen Minderheit in China, das leider wegen der Industrialisierung nicht mehr ganz den früheren Stellenwert einnehme, wie es heißt.

Ojikanje-Kehlgesang. Nicht weniger als 47 Kulturgüter wurden bei der diesjährigen Unesco-Konferenz in Nairobi als schützenswert definiert. Insgesamt hält die Organisation bei 213 angeblich wertvollen Traditionen, die für kommende Generationen erhalten werden sollen. Geht es in diesem Tempo weiter, wird das immaterielle Erbe bald ziemlich unübersichtlich werden. Außerdem stellt sich die Frage, ob manche Bräuche, Handwerkskünste und Folkloreveranstaltungen nicht vielleicht zu Recht in Vergessenheit geraten. Wenn, nur als Beispiel, der „Ojikanje-Kehlgesang“ aus dem dalmatischen Hinterland kaum noch gepflegt wird, könnte das auch daran liegen, dass ihn keiner mehr hören will.

Aber das sind Spitzfindigkeiten, mit denen sich eine internationale Organisation nicht beschäftigen kann. Maria Walcher, mit vollem Titel „Leiterin der Nationalagentur für das immaterielle Kulturerbe der österreichischen Unesco-Kommission“, plädiert für eine andere Sichtweise. Es gehe nicht darum, Bräuche zu konservieren wie ein Denkmal. „Wichtig ist, dass wir Dinge sichtbar machen und Aufmerksamkeit schaffen.“ Bis 31.12. läuft die Frist für österreichische Brauchtumspfleger, die wenigstens auf die nationale Liste kommen möchten. Am 31. März wird dann in Paris entschieden, ob endlich auch ein paar heimische Beiträge den internationalen Segen erhalten. Nominiert sind die Spanische Hofreitschule, der Imster Schemenlauf und, wieder einmal, die Falknerei. Walcher ist zuversichtlich: „Wir werden beim nächsten Mal sicher bevorzugt behandelt, weil Österreich noch nicht auf der Liste steht.“

Im Rahmen ihrer Tätigkeit habe sie ihren Kulturbegriff enorm erweitern müssen, erzählt Walcher. „Es ist unglaublich, was es allein in Österreich alles gibt, von dem die meisten gar nichts wissen.“ Ein Blick auf das heimische Kulturerbe bestätigt diesen Eindruck. Neben den üblichen Verdächtigen wie Sternsingern, Trachtengruppen und Handwerkern gibt es auch allerhand Überraschendes. Die Kurapotheke Bad Ischl etwa hat sich mit „apothekeneigenen Hausspezialitäten“ verewigt. Der Salzburger Rangglerverband macht Werbung für das „Hundstoa-Ranggeln“, die angeblich älteste Sportart im Alpenraum, die ihren Ursprung in den friedlichen Raufereien der Senner hat. Außerdem im Angebot: der Wiener Dudler, eine Hauptstadtvariante des Jodelns, sowie der niederösterreichische „Verein für gegenseitige Hilfeleistung bei Brandfällen“. Ein paar selbstbewusste Tiroler schafften es, die Ötztaler Mundart als Kulturerbe zu verankern. Für andere Talschaften mit urigen Dialekten wird das hoffentlich ein Ansporn sein, ihre knackenden Kehllaute nicht länger für sich zu behalten.

Bewerbung und Expertise.
Die Auflistung von Kunstfertigkeiten mag zufällig wirken, doch sie ist das Ergebnis umfangreicher Prüfungen. Wer bei der Nationalagentur Gehör finden will, muss ein Bewerbungsformular ausfüllen und zwei Expertenbeurteilungen beisteuern. Entschieden wird von einem Fachsenat, der zweimal jährlich tagt und die für Österreich typische Zusammensetzung aufweist: zehn Fachleute, fünf Abgesandte aus der Politik – und neun Vertreter der Bundesländer. Der Föderalismus gehört ja schließlich auch zum kulturellen Erbe.

 

BUNTES ERBE

213
Bräuche, Traditionen und Handwerkstechniken hat die Unesco bereits als immaterielles Kulturerbe qualifiziert. Bei der letzten Delegiertensitzung Mitte November in Nairobi kamen 47 neue dazu. Die Liste basiert auf einer 2003 verabschiedeten Konvention und soll altes Kulturgut vor dem Vergessen schützen.

30
sogenannte „Elemente“ hat die Österreichische Unesco-Kommission bisher als nationales Kulturerbe ausgewiesen. Für die internationale Liste nominiert wurden die Spanische Hofreitschule, die Falknerei und der Imster Schemenlauf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.11.2010)