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Literatur

"Heute braucht es keine Stasi, es reicht die Zivilgesellschaft"

Zutiefst konservativ, auch im Schreibmittel: Tellkamp in der Doku „Der Fall Tellkamp. Streit um die Meinungsfreiheit“: Mittwoch, 18. Mai, 20.15 Uhr, 3sat.
Beharrlich konservativ - bis in die Schreibmittel hinein: Uwe Tellkamp (53) in der Doku „Der Fall Tellkamp. Streit um die Meinungsfreiheit“: Mittwoch, 18. Mai, 20.15 Uhr, 3sat.3sat
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Der politisch umstrittene deutsche Autor Uwe Tellkamp im Interview über seinen neuen Roman „Der Schlaf in den Uhren“, seinen Flüchtlingssager, den Hitler in Putin - und Thomas Bernhard als Idylliker.

Sein gefeierter Roman „Der Turm“ über die letzten Jahre der DDR machte ihn 2008 schlagartig zu einem der wichtigsten deutschen Romanciers der Gegenwart, doch dann ... Dann wurde Tellkamp zum roten Tuch für viele im deutschen Medien- und Literaturbetrieb: Grund waren Äußerungen über „Gesinnungskorridore“ und die Flüchtlingskrise.

Nun ist bei Suhrkamp sein neuer Roman erschienen, „Der Schlaf in den Uhren“. Auf 900 Seiten imaginiert er ein von Stasi-Strukturen unterwandertes Deutschland (Treva genannt) - mit Angela Merkel als zentraler Figur (sie heißt hier Anne) und einem Magazin „Wahrheit“, das den „Spiegel“ meint.

Seit vielen Jahren nun schon wurde Ihr Roman immer wieder angekündigt, als weiterer Wenderoman. Nun aber ist das Jahr 2015, der Flüchtlingskrise, neben 1989 die wichtigste Zeitebene darin.  Die politischen Debatten haben also Ihr Konzept ganz verändert?

Ja, das eigentliche Thema ist: Wie schleichen sich in eine demokratische Gesellschaft alte Prozesse ein? Es gibt Techniken, die ähnlich sind wie in der DDR, zum Beispiel: Wie kann man jemanden fertigmachen, aus dem Diskurs schieben? Da braucht es heute keine Stasi, es reicht die Zivilgesellschaft.

Wie stehen Sie heute zu Ihrer Aussage, über 95 Prozent der Flüchtlinge kämen, um in die Sozialsysteme einzuwandern?

Ich bereue das Wörtchen „um“, es unterstellt eine Motivik, die in dieser Größenordnung nicht vorhanden ist. Die Medien haben mir aus diesem Wort, das ich auch später richtiggestellt habe, einen Strick gedreht, Journalisten, die sich tolerant und weltoffen nennen, haben sich wie tollwütige Hunde auf mich gestützt. Eginald Schlattner, der bei Zsolnay veröffentlicht hat, schreibt in den “Roten Handschuhen” von einem Antiquar, der wegen eines einzigen Wörtchens in den Knast kam. Ich bin nicht in den Knast gekommen und wir sind nicht in Ceausescus Rumänien. Aber die Techniken sind ähnlich wie in der DDR. Wenn Sie heute zum Beispiel als YouTuber ihr Geld verdienen, kann Ihnen das Shadow Banning passieren, es wird einfach die Reichweite abgeknipst. Da landet niemand im Gefängnis, aber es geht ihm sozial schlechter.

Wenn Sie diesen Satz heute bereuen, an welcher Position halten Sie denn fest?