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Junge Forschung

Kreativität, wo sie keiner vermutet

Sabine Heitzeneder (im Bild am Campus der Stanford University in Kalifornien) setzt körpereigene Abwehrmechanismen gegen Tumorzellen ein.
Sabine Heitzeneder (im Bild am Campus der Stanford University in Kalifornien) setzt körpereigene Abwehrmechanismen gegen Tumorzellen ein.Ivy Chen
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Die Krebsforscherin Sabine Heitzeneder arbeitet seit knapp zehn Jahren in den USA an der Entwicklung zellulärer Immuntherapien für aggressive Tumorformen bei Kindern.

Von Anfang an war sie hin- und hergerissen zwischen der Ärztin und der Forscherin. Doch das Angebot einer Postdoc-Stelle am National Cancer Institute an der US-amerikanischen Ostküste in Maryland war zu verlockend. Kurzerhand unterbrach Sabine Heitzeneder ihre Kinderfacharztausbildung in Wien und verlegte ihren Lebensmittelpunkt nach Übersee. Das war 2013. Drei Jahre später zog sie neuerlich um, dieses Mal ging's an die Westküste. Die heute 37-Jährige folgte ihrer Chefin Crystal L. Mackall – einer Pionierin in der Immuntherapie von Krebserkrankungen bei Kindern – an das Cancer Center der Stanford University in Kalifornien.

Seither widmet sich Heitzeneder in den USA der Suche nach neuen, personalisierten Krebstherapien. Vor Kurzem erhielt die gebürtige Oberösterreicherin dafür den Ascina-Award (Austrian Scientists and Scholars in North America) des Wissenschaftsministeriums. Prämiert wurde ihre Publikation im Fachmagazin Cancer Cell. Darin beschreibt sie die Entwicklung einer zellulären Immuntherapie mit körpereigenen T-Zellen. Diese werden mit „Chimären Antigenrezeptoren (CAR)“ ausgestattet und dadurch so umprogrammiert, dass sie zielgerichtet gegen Krebszellen vorgehen.

Therapien schneller verfügbar machen

Heitzeneder forscht in einer laborübergreifenden Projektgruppe aus Genetiker_innen und Immuntherapiespezialist_innen, die sich das Pediatric Cancer Dream Team, das Traumteam für Kinderkrebsforschung, nennen (gefördert von Stand up to Cancer/St. Baldrick's). „Gemeinsam wollen wir Oberflächenproteine finden, die auf Krebszellen, aber nicht auf normalem Gewebe zu finden sind“, erklärt Heitzeneder. Mit diesem Wissen wiederum können genau auf diese Proteine abgestimmte, personalisierte Therapieformen entwickelt werden. „Durch die enge Zusammenarbeit wollen wir von der Entdeckung eines tumorspezifischen Proteins schnell in eine Phase-I-Studie in Patienten gelangen und denen, die sonst keine andere Therapieoption mehr haben, Alternativen anbieten.“ Konkret geht es dabei um Gehirntumore und solide Tumore wie das Neuroblastom, die dritthäufigste – vom autonomen Nervengewebe ausgehende – Krebserkrankung im Kindesalter.

Ausgangspunkt sind große Datensätze von sequenzierten Tumoren, die Heitzeneder mit Datensätzen von gesundem Organgewebe vergleicht und mit bioinformatischen Methoden analysiert. Am Ende dieser Berechnungen stehen jene Proteine, die nur am Tumor zu finden sind – wie etwa das in der prämierten Publikation beschriebene Tumor-Antigen Glypikan-2 (GPC2). Dieses befindet sich unter anderem an der Zelloberfläche des Neuroblastoms. Eine auf diesen Ergebnissen aufbauende klinische Studie zur Anwendung einer gezielten GPC2-CAR-Therapie an der Stanford University befindet sich derzeit in Planung. „Für mich ist eines der Mantras in der Wissenschaft: Man muss genau hinschauen. Die harte Realität ist dann zwar oft, dass die Lösung nicht so einfach ist, wie ursprünglich gedacht, und dass man noch mehr nachdenken oder probieren muss. Aber diese Information zeigt einem die Hürden auf, über die man springen muss.“

Die Suche nach eigenen Ideen hat für Heitzeneder auch ein kreatives Element. Inspiration findet sie mitunter in der Kunst. Seit ihren Jugendjahren tanzt sie leidenschaftlich und sieht darin Parallelen zur Forschung. „Ich mag Freestyle-basierte Tanzformen zu Soul-, Funk-, Disco- und House-Musik. Sie alle haben ihren Ursprung in der queeren Clubszene und in afrodiasporischen und lateinamerikanischen Kulturen und Rhythmen. Sie sind entstanden durch das Bedürfnis von marginalisierten Menschen, die eigene Stimme zu finden.“ Ob sie sich eine Rückkehr als Kinderärztin vorstellen kann? „Das schließe ich nicht aus. Beide Arbeitsfelder machen mir viel Spaß“, sagt Heitzeneder. „Obwohl man in der Klinik mit vielen Schicksalen konfrontiert ist, kann man jeden Tag rausgehen mit dem Gefühl, etliche gute Taten geleistet zu haben.“ In der Forschung brauche man hingegen einen langen Atem. Daran fehlt es ihr derzeit aber nicht. Ihr nächstes Ziel: ein eigenes Labor.

Zur Person

Sabine Heitzeneder (37) war nach ihrem Medizinstudium an der Med-Uni Wien im Bereich der Transplantationsimmunologie im St. Anna-Kinderforschungszentrum in Wien tätig. 2013 ging sie ans National Cancer Institute in Bethesda (Maryland, USA). Seit 2016 forscht sie im Cancer Immunology and Immunotherapy Program der Stanford University in Kalifornien.

Alle Beiträge unter:diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.07.2022)