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Psychologische Studentenberatung.

Nachfrage übersteigt das Angebot

Auch wenn das Bildungsministerium die Planstellen um 40 Prozent aufgestockt hat, platzen die Terminpläne der Therapeuten aus allen Nähten.

Nach dem Ausbruch des Ukraine-Konflikts im Februar 2022 hat die Universität Wien die Beratungsstelle Unisus eröffnet. Unisus steht für „University supports Ukraine Students“ und bietet ukrainischen Studierenden psychologische Unterstützung an, die den Prinzipien der Krisenintervention folgt. Dabei werden Techniken vermittelt, die dabei helfen sollen, psychisch stabil zu bleiben und bereits vorhandene Symptome zu lindern.

Doch auch heimische Studierende leiden unter aktuellen Belastungen, das zeige sich an der Nachfrage: „Wir arbeiten immer am Plafond unserer Kapazitäten, und die 50 Ersttermine pro Woche sind derzeit bei Weitem zu wenig“, sagt Franz Oberlehner, Leiter der Psychologischen Studierendenberatung Wien. Ähnlich sieht die Situation auch am Standort Linz aus, den Christa Streicher-Pehböck leitet: „Obwohl das Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung unsere Personalkapazitäten im Juni 2021 um 40 Prozent aufgestockt hat, können wir aktuell den Bedarf kaum decken.“ Für Grazer Studierende bietet sich ein ähnliches Bild, die Anfragen sind hoch: „Nach dem ersten Lockdown haben sich manche Klienten zurückgezogen. Jetzt sind wir immer voll und beobachten, dass sich die Nachfrage um ein Viertel erhöht hat“, schildert Jutta Priller, die Leiterin der psychologischen Beratungsstelle in Graz.

Auch in Innsbruck suchen immer mehr Studierende Unterstützung: „Sie kommen mit Ängsten, Depressionen und Angstzuständen zu uns“, sagt Christian Schöpf. Ein Thema, das vielen Studierenden zu schaffen mache, sei die Tatsache, dass pandemiebedingt das Studium oft länger dauere und so die finanzielle Belastung größer werde– für die jungen Erwachsenen selbst oder für deren Eltern. Auch soziale und Prüfungsängste hätten zugenommen, erklärt Schöpf. Zu beobachten sei, dass vermehrt Studierende die Beratungsstellen aufsuchen, die unter Prokrastination, also pathologischem Aufschiebeverhalten, oder Essstörungen leiden. In den Jahren seit Beginn der Pandemie habe sich aber grundsätzlich wenig verändert, sagt Streicher-Pehböck: „Die Themen sind im Wesentlichen die gleichen, aber der Druck, den Studierende empfinden, ist gestiegen.“

 

Virtuelle Beratungen

Die Personalaufstockung im Vorjahr sei eine Erleichterung, der Bedarf könne damit jedoch nicht gedeckt werden, merkt Streicher-Pehböck an. Es seien viele junge Psychologen dazugekommen, „die am Beginn einer Psychotherapieausbildung stehen und eine gewisse Einarbeitungszeit benötigen, um die entsprechende Feldkompetenz zu entwickeln“. Als sehr positiv empfindet sie, dass die jungen Kollegen Fremdsprachen- sowie EDV-Kompetenzen einbringen.

Virtuell, über Social Media, Kontakt mit den Studierenden zu halten, sei für die jungen Kollegen eine Selbstverständlichkeit. War es zu Beginn der Pandemie noch eine Notwendigkeit, psychologische Beratungen virtuell durchzuführen, so seien die Online-Beratungen mittlerweile im Arbeitsalltag der Psychologen angekommen, sagt auch Priller: „Früher fanden 99Prozent der Termine in Präsenz statt, heute ist das Verhältnis zwischen analogen und digitalen Beratungseinheiten 50:50.“ Ob online oder im realen Raum – unterstützen können die psychologischen Studierendenberatungen ihre Klienten vor allem dabei, „das Problem hinter dem Problem zu entdecken“, sagt Schöpf.

Angewandt wird vielfach die sogenannte Fokaltherapie im Ausmaß von bis zu 30 Stunden. Dabei suchen die Studierenden selbst eine Lösung für ihre Konflikte. Die Therapeuten helfen dann bei einer Deutung und/oder der Suche nach einem roten Faden. Durch die Konzentration auf einen Hauptkonflikt ist diese Behandlungsform kürzer als die klassische Psychoanalyse. Damit auch darüber hinaus geholfen werden kann, wünscht sich Priller ein engmaschigeres Psychotherapeuten-Netz für die Studierenden, „denn wir können nur wenige anhand von persönlichen Kontakten in eine längerfristige Therapie vermitteln“.

 

Bedarf nach Studienrichtung

Je nach Studienrichtung sei unterschiedlich großes Interesse an einer psychologischen Beratung auszumachen, sagen die Leiter. In Linz lassen sich derzeit vor allem Kunst- und Medizinstudierende beraten, in Innsbruck angehende Psychologen, Lehrer und Erziehungswissenschaftler und FH-Studierende, „weil ihr Termindruck größer ist“, erklärt Schöpf. Priller hat in Graz vermehrt Geistes- und Naturwissenschaftler in spe in Beratung, die, findet sie, „offener“ seien für therapeutische Sitzungen. Technik-Studierende erlebt sie als zurückhaltender und auch skeptischer. Und in Wien seien es vergleichsweise viele Jus- und Medizin-Studierende, die wegen des Drucks großer Prüfungen Beratungsstellen aufsuchen würden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.07.2022)