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Randerscheinung

Energiesparen aus Prinzip

Carolina Frank
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„Tür zu“ war einer der meistgehörten Rufe in meinem Elternhaus.  Denn „Zum-Fenster-Rausheizen“ galt als No-Go.

Ich komme also in das Zimmer des Jüngsten. Die Jalousien sind geschlossen, das Fenster ist sperrangelweit offen, die Nachtkastllampe brennt, die LED-Beleuchtung über dem Computerbildschirm leuchtet changierend in Blau-Rot, und die Playstation läuft mit lautem Lüfter. Der Bub ist schon seit Stunden nicht zu Hause. Während ich die Stromfresser ausschalte, die Jalousien aufmache und das Fenster schließe, denke ich über das Energiesparen nach, das für viele eine Art politisches Tabu und plötzlich wieder in aller Munde ist. „Tür zu“ war einer der meistgehörten Rufe in meinem Elternhaus. Und das betraf alle Türen, also sowohl jene zwischen Innenräumen als auch jene, die ins Freie gingen. Der Windfang (ähnlich einer Sicherheitsschleuse beim Flughafen) bei der Eingangstür sorgte dafür, dass die geheizte Raumluft nicht ungehindert ins Freie drang.

Zwischen Treppenhaus und Wohn­räumen gab es streng gehütete Temperaturunterschiede. Wenn es irgendwo „zog“, wurde so lang gesucht, bis das gekippte Fenster gefunden und wieder geschlossen war. Denn „Zum-Fenster-Rausheizen“ galt als No-Go. Bei einem Freund gab es sogar ein Wohnzimmer, das nur zu besonderen Anlässen genutzt wurde. Lichter wurden nur sparsam aufgedreht, sobald möglich wieder gelöscht, auch mit Wasser wurde grundsätzlich sparsam umgegangen (Wasser abdrehen während des Zähneputzens etc.). Und das alles nicht aus Not, sondern aus Prinzip. Daran muss ich also denken, als ich das Zimmer des Jüngsten in Ordnung bringe. Komisch, dass ich bis heute selbstverständlich Türen wie Fenster schließe und Lichter abdrehe, aber das nicht von den Kindern verlangt habe. Wahrscheinlich, weil mir all diese an sich einleuchtenden Regeln sehr auf die Nerven gegangen sind.

("Die Presse Schaufenster" vom 15.07.2022)