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Gastkommentar

Über Abtreibung hinaus denken

FILE PHOTO: A pregnant woman, in the last trimester of her pregnancy, poses in this illustration photo in Sete
"Es ist nun mal so ist, dass schwanger sein nichts anderes bedeutet, als ein Kind zu erwarten. Da kommen wir nicht drumherum."REUTERS
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Jeden Tag entscheiden sich in Österreich Frauen für eine Abtreibung. Dabei gibt es so viele andere Türen, die wir öffnen und anbieten können.

Mag. Petra Plonner, 51, ist Schulleiterin, Unternehmerin, Sprecherin und Beraterin. Als Vorsitzende der Bürgerbewegung #fairändern setzt sie sich für faire Bedingungen im Schwangerschaftskonflikt ein.

Das Thema Abtreibung brodelt wieder mal ordentlich auf – es wird wohl nie abkühlen. Und das ist gut so. Mit klugen Köpfen und warmen Herzen müssen wir immer wieder darüber reden. Einige – so lese ich – wollen allerdings den Diskurs darüber ersticken. Seltsamerweise kommt diese Haltung gerade von jenen, die „demokratischen Pluralismus“ einfordern. Es gäbe nichts mehr zu reden. Abtreibung sei ein Frauenrecht und damit basta.

Die Lage ist allerdings viel komplexer, als uns allen recht ist. Nach jahrzehntelanger Beratungstätigkeit habe ich vor allem eines beobachtet: Eine Abtreibung ist nicht nur eine der schwerwiegendsten Entscheidungen im Leben der Betroffenen (Frauen und Männer); viele leiden nach einer ersten Erleichterung auch jahrelang darunter.  Warum? Weil es nun mal so ist, dass schwanger sein nichts anderes bedeutet, als ein Kind zu erwarten. Da kommen wir nicht drumherum.

Ein Menschenrecht?

Allein diese Aussage könnte mir schon wieder Kopf und Kragen kosten. Es sei doch nicht mehr als „Schwangerschaftspotential“, ein „Haufen Zellen“. Einen Abtreibungsarzt hörte ich sogar sagen: „Ob es ein Kind ist oder nicht, entscheidet die Frau – die es will oder nicht.“ So viel zum Thema Naturwissenschaft. Wir legen uns also allerhand zurecht und kommen doch am Unvermeidbaren nicht vorbei: „In heiklen Bereichen muss man scharf formulieren. In diesem Sinne ist jeder Schwangerschaftsabbruch eine Tötung.“ (Gynäkologe Prof. Dr. Husslein in „Geboren um zu Leben – Möglichkeiten und Grenzen von Medizin und Gesellschaft 2012). Umso erstaunlicher sind die Bestrebungen derjenigen, die ein „Recht auf Abtreibung“ einfordern. Ein Recht auf Tötung als Menschenrecht? Eine widersinnige Forderung.

In Österreich haben wir es mit etwa 35.000 Abtreibungen im Jahr zu tun, das sind an einem einzigen Werktag etwa 130. Eine unglaubliche Zahl, wenn sie denn stimmt. Wir haben – anders als die meisten anderen europäischen Staaten - keine Statistik, keine Motivforschung und de facto keine Ahnung, warum sich täglich so viele Frauen für diesen Schritt entscheiden. Ob sie das wirklich selbstbestimmt und frei tun, oder sich aber dazu gedrängt fühlen. Nicht selten vom Kindsvater, wie ich aus vielen Beratungen weiß. Ob der hohen Zahlen fordern einige Gruppen „noch mehr Abtreibungsmöglichkeiten“ und wundern sich, warum so wenig Ärzte und Ärztinnen in Österreich dazu bereit sind, ist es doch eine ziemlich einfache und lukrative Zuverdienstmöglichkeit. Aber so einfach ist es dann aus oben erwähnten Gründen doch nicht.

Wir sind füreinander da

Ungeplante Schwangerschaften lassen sich nicht vermeiden. Im Laufe der Geschichte sind Gesellschaften unterschiedlich damit umgegangen. Wir leben in einem reichen, fürsorglichen Sozialstaat, in dem wir häufig unter Beweis gestellt haben, dass wir füreinander da sind. Niemand sollte Angst haben müssen, allein gelassen zu sein. Allein mit dem Kind, ohne Geld, ohne Arbeit, ohne adäquate Wohnmöglichkeit. Eine ungeplante Schwangerschaft ist kein dunkler Raum mit einem einzig möglichen Ausweg. Es gibt viele andere Türen, die wir öffnen und anbieten können.

Ich wünsche mir im Konfliktfall gemeinsam mit vielen Menschen in Österreich andere Auswege als noch mehr Abtreibungen. Ich wünsche mir, dass wir echte, weil inklusive Lösungen denken. Über Abtreibung hinausdenken. Einen Perspektivenwechsel – vom „Unfall“ zur Chance. Ich wünsche mir, dass wir das Leben mit all seinen Unplanmäßigkeiten umarmen und uns gegenseitig darin stärken. Und ich wünsche mir, dass wir in diesem Prozess möglichst alle überleben.