Robin Hood wäre heute ein Hacker

Robin Hood waere heute
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Sie attackieren Feinde von WikiLeaks und verändern Computer, wie es ihnen gefällt: Hacker gelten als Querdenker des digitalen Zeitalters. Doch was treibt sie an, welche Ideologie steckt dahinter? Analoges Treffen mit einem Cyberrebellen.

Julian Assange, Mastermind der Enthüllungsplattform WikiLeaks, trägt in den USA den Titel „gefährlichster Mann der Welt“. Gemeinsam mit dem 39-jährigen Australier geriet eine Subkultur in die Auslage, um die sich Legenden ranken: Hacker.

Der strohblonde Aufdecker ist einer von ihnen. Viele seiner Helfer bei WikiLeaks sind es. Und auch Amir Hassan aus Wien zählt zum elitären Kreis jener, die sich im Internet oder in Programmcodes genauso sicher bewegen wie ein analoger Normalbürger beim Spazierengehen auf dem Gehsteig. Doch was sind Hacker eigentlich, was treibt sie an, und was hat das alles mit WikiLeaks zu tun?

Hacker, die etwas auf sich halten, sehen sich der sogenannten Hackerethik verpflichtet. Zentrale Bestandteile sind Informations- und Wissensfreiheit sowie eine ausgeprägte Skepsis gegenüber der staatlichen Autorität. WikiLeaks interpretiert das besonders kompromisslos und nutzt Mittel und Wege der Computertechnologie, um Wissen, das die Obrigkeit der Bevölkerung vorenthält, zu veröffentlichen.


Freiheit als zentraler Wert. Ebenfalls in der Hackerethik festgeschrieben ist, was erlaubt ist und was nicht. Nicht erlaubt ist das Eindringen in fremde Computer zum Zweck, einen Schaden anzurichten. Zu schauen, „was geht“, hingegen schon. Jeder kennt die Berichte von Computerfreaks, die sich in die Systeme von Regierungen oder Banken „hacken“, um anschließend auf Sicherheitsmängel hinzuweisen. Mitgliedern des deutschen Chaos Computer Clubs (CCC) gelingt Derartiges regelmäßig. Amir Hassan ist das zu einfach.

Der 28-Jährige hat sich auf das sogenannte „Hardware Hacking“ spezialisiert. Während monatelanger Tüfteleien knackt er die verschlüsselten Programmcodes hochspezialisierter Geräte, um sie schließlich für kreative Zwecke zu nutzen. Als sein persönliches Meisterwerk bezeichnet er das „Aufmachen“ des Internet-Tablet-Computers N900 von Nokia, dem er ein eigenes Betriebssystem verpasste und es damit zu einer Spezialkamera mit Superzeitlupenfunktion umfunktionierte. Wozu das gut ist?

„Um zu zeigen, was möglich ist“, sagt der hagere Mann mit den wachen Augen. Hacker wie er sehen nicht ein, warum Geräte von Weltkonzernen mit verschlüsselter Software ausgeliefert werden, „die die wahren Fähigkeiten der Hardware verkrüppeln“. Die Sicherheitsvorkehrungen zu knacken und das Gerät dann nach dem eigenen Willen einzusetzen, muss nicht zwangsläufig einen Nutzen stiften. Hackern wie Amir Hassan geht es ums Prinzip. Die Freiheit, die sie fordern, nehmen sie sich mithilfe ihrer eigenen technischen Fähigkeiten.

Als besonders böse in der Hackerszene gilt der Computerriese Apple, der auf seinen Verkaufsschlagern iPhone und iPad nur Software zulässt, an der der Konzern mitverdient. Beide Geräte wurden inzwischen „gehackt“.

Die Industrie sieht das nicht so gern. Es gibt nicht wenige Gerätehersteller, die das als illegal betrachten. Hacker können darüber nur lachen. Wer für ein Gerät zahlt, so die Argumentation, soll es auch uneingeschränkt nutzen dürfen. „Hacker sind nicht kriminell“, sagt Georg Markus Kainz, selbst Computerfreak und Obmann des Vereins Quintessenz, der sich laut Statuten für die „Wiederherstellung der Bürgerrechte im Informationszeitalter“ einsetzt. Er verbindet die Rebellen des Cyberspace lieber mit dem Bild des Robin Hood, der die Bevölkerung vom Diktat der Reichen und Mächtigen befreit.

Dieses Selbstverständnis dürfte auch der Grund für die Cyberattacken von Hackern sein, denen derzeit die Webseiten jener Weltkonzerne ausgesetzt sind, die WikiLeaks die Serviceverträge gekündigt haben (PayPal, Visa, Mastercard, Amazon). In wenigstens einem Fall soll das – so stellt es der Zahlungsdienstleister PayPal dar – aufgrund einer Intervention des US-Außenministeriums erfolgt sein.

Kainz glaubt, dass genau das den jugendlichen Furor einer Aktivistengemeinde namens „Anonymous“ entfachte, die für die Angriffe verantwortlich gemacht wird. „Diese Leute sehen nun Meinungsfreiheit und Demokratie in Gefahr“, sagt er. Dadurch seien die Attacken zwar nicht zu rechtfertigen, aber wenigstens zu erklären.

Die Subkultur der Hacker beschäftigt sich mit technischen Problemen im Zusammenspiel von Software und Hardware. Die Hackerethik verbietet den illegalen Einsatz dieser Fertigkeiten. Prominente Hacker sind der verstorbene Wau Holland sowie Apple-Mitbegründer Steve Wozniak. Von der Öffentlichkeit werden Hacker meist als Personen wahrgenommen, die illegal in fremde Computer eindringen. „Echte“ Hacker bezeichnen diese jedoch als „Skriptkiddies“.

www.metalab.at, www.quintessenz.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2010)