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Start-ups

„Wir müssen in Europa Hochtechnologie schaffen“

KINIGADNER Lukas
Lukas Kinigadner(c) Michael Rausch-Schott / Verlagsgruppe News / picturedesk.com (Michael Rausch-Schott)
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Lukas Kinigadner besetzt mit Anyline eine Nische, die weltweit gefragt ist: optische Datenerfassung mit dem Mobiltelefon.

Lukas Kinigadner hatte mit drei anderen Technikern und Informatikern in Wien gerade eine App-Schmiede hochgezogen, als sie mit Frank Westermann, Co-Gründer des Start-ups Mysugr, einem Diabetes-Management-Tool für das Smartphone, ins Gespräch kamen. Es sei, erzählte der, für Diabetiker mühsam, die Blutzuckerwerte händisch in eine Liste einzutragen. Ob sie eine Idee hätten, das zu vereinfachen. Also begannen sie Recherchen und stellten fest, Optical Character Recognition (OCR), eine seit Jahrzehnten gängige Technologie für Texterkennung für Mobiltelefone gab es nicht. Sie begannen zu entwickeln und hatten nach neun Monaten eine „Analog-digital-Brücke für die optische Datenerfassung“ programmiert. Sie übergaben ihr App-Unternehmen an Studierende und gründeten 2014 Anyline.com, um sich ganz auf Data Capturing zu spezialisieren.

Heute, acht Jahre später, betreuen 100 Mitarbeitende in Österreich und zehn weitere in den USA aus 30 Nationen rund 200 Firmenkunden weltweit. Jährlich verarbeitet Anyline.com rund 1,5 Milliarden Scans von knapp 15 Millionen aktiven Usern. Ein 40-köpfiges Team sei allein mit Machine Learning beschäftigt. „Wir konzentrieren uns auf zwei Bereiche: Utility und Automotive“, sagt der 38-Jährige, der für sein Wirtschaftsinformatikstudium an der Technischen Universität von Tirol nach Wien gezogen ist. So kommt die Anyline-Technik etwa bei den Coronagurgeltests zum Einsatz, um die Testnummer einzulesen, genauso „im Bereich der öffentlichen Sicherheit etwa bei Personen- und Verkehrskontrollen“. Oder in Indien, wo die optische Datenerfassung gegen Betrügereien beim Ablesen der Stromzähler verwendet wird. Oder in der Reifenindustrie, wo mithilfe der Scans alte Autoreifen identifiziert und in der Folge aus dem Verkehr gezogen werden können. Künftig, sagt Kinigadner, soll es möglich sein, die Reifenprofiltiefe zu scannen und so rasch zu wissen, ob die Reifen noch betriebsbereit sind oder nicht.
Bevor Kinigadner, seine Mitgründer und Anyline Spezialistenstatus erlangten, waren einige Entwicklungen notwendig. „Wir hatten zwar eine Lösung, die der Markt brauchte“, sagt Kinigadner, trotzdem hätten ihnen die Kunden zunächst nicht die Türen eingerannt. „Wir mussten Vertriebserfahrung aufbauen“, und lernen, auf die Wünsche der Kunden einzugehen. Das habe ihm persönlich viel Veränderung abverlangt, sagt er. Denn als Start-up-Gründer müsse man einerseits beratungsresistent sein, um der Idee zum Leben zu verhelfen und sich nicht durch gut gemeinte Ratschläge davon abbringen zu lassen. Andererseits müsse man beratungsoffen sein, weil es so viele Dinge zu bedenken und zu tun gebe. „Als Start-up erlebt man die Welt in 4K HD“, alles sei sehr intensiv, und man müsse „das eigene Ego zurückstellen“.

Mehr noch: Es gehe darum, Menschen zu ermuntern, etwas auszuprobieren und mutig zu sein. Denn letztlich, sagt er, sei die Aufgabe der Entrepreneure weit größer: „Wir müssen in Europa Hochtechnologie schaffen.“

Das Voting für „Österreicher:innen des Jahres“ finden Sie unter: www.diepresse.com/austria22