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Quergeschrieben

Politische und soziale Gräben werden zunehmend tiefer

Vergleiche mit der Zwischenkriegszeit drängen sich auf. Eine Inflation von elf Prozent würde politische Zusammenarbeit über alle Parteigrenzen erfordern.

Mit ernstem Gesicht vermeldete Nadja Bernhard am vergangenen Samstag in der „ZiB 1“, dass die Inflation in Großbritannien bereits elf Prozent betrage, dies sei der höchste Wert seit 40 Jahren. Dazu gesellten sich eine Rezession sowie die höchste Steuererhöhung seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Couscous oder Nudeln würden um dreißig Prozent teurer sein, Hühnerfleisch um zwanzig, Butter um vierzig Prozent, hieß es in dem darauffolgenden Bericht, Interviewpartner erzählten, dass sie sich kaum noch Fleisch leisten könnten und die Heizung noch gar nicht angedreht hätten. Mit ebenso ernstem Gesicht hätte man ähnlich unerfreuliches Zahlenmaterial auch aus Österreich zuliefern können: Die Inflationsrate betrug im Oktober elf Prozent – der höchste Wert seit siebzig Jahren. Nur im Juli 1952 war sie mit 14,1 Prozent noch höher. Die Butter kostet um knapp vierzig Prozent mehr, Fleischpreise sind um 14,3 Prozent gestiegen, Gemüse um elf, jene für Milch, Käse und Eier um insgesamt 20,3 Prozent. Nur das Obst ist mit einer Steigerung von knapp vier Prozent wohlfeil geblieben. Altbaumieten werden zum dritten Mal innerhalb eines Jahres erhöht, von den explodierenden Energiepreisen gar nicht zu reden. Mir bekannte Menschen aller Altersgruppen sitzen in eiskalten Wohnungen, weil sie sich die Heizkosten nicht mehr leisten können.

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Für meine Dissertation über die Abtreibungsfrage in sozialdemokratischen Medien der Zwischenkriegszeit recherchierte ich parteipolitische Lagerkämpfe, soziale Nöte, wirtschaftliche Abgründe, gesellschaftliche Verwerfungen. Allein zwischen 1924 und 1926 mussten 37 Aktienbanken und 246 Privatbanken (also mehr als die Hälfte aller bestehenden) liquidieren. Am lautesten krachte 1929 die Boden-Credit-Anstalt, im selben Jahr wurden 656 Konkurse und 1997 Ausgleichsverfahren gemeldet. Viele der Hunderttausenden Arbeitslosen waren ausgesteuert, sie erhielten keinerlei staatliche Unterstützung – etwas, was offenbar auch heute wieder rechts-rechts der Mitte ernsthaft diskutiert wird. Die Wohnungsnot war groß, vielköpfige Familien hausten in einer Kammer, mehrere Erwachsene schliefen in einem Bett. Sogenannte Bettgeher mieteten sich für wenige Stunden ein, die einen schliefen untertags, die anderen nachts. Eine einzige Fleischmahlzeit für eine vierköpfige Familie kostete den Wochenlohn eines Arbeiters. Von 85.700 untersuchten Wiener Kindern hatten nur zehn Prozent einen guten Ernährungszustand, rund vierzig Prozent waren ernährungsgestört, fünfzig Prozent schlecht, davon elf Prozent sehr schlecht genährt. Dazu kamen Wetterkapriolen, im Jahrhundertwinter 1929 – dem kältesten der vergangenen zweihundert Jahre mit Temperaturen bis zu minus 29°C – fror die Donau von der Wachau bis nach Hainburg zu, Menschen starben den Kältetod. All das erachtete ich als für immer vergangen. So arm, so politisch zerstritten werden wir nie mehr sein, dachte ich. Doch laut Statistik Austria hatten 940.000 Menschen zu Sommerbeginn Probleme, mit ihrem Einkommen laufende Kosten zu begleichen. Eineinhalb Millionen Menschen sind in Österreich armutsgefährdet. Die Solidarität der Mittelklasse sinkt in dem Ausmaß, in dem die Angst vor sozialem Abstieg steigt.

Sicher, Österreich ist demokratisch gefestigt(er), es herrschen keine so brandgefährlichen Zustände wie in der Ersten Republik. Doch die Gräben zwischen den politischen Lagern werden zunehmend unüberwindbar, die Klüfte zwischen Arm und Reich, die in der Zwischenkriegszeit das Erstarken der Austrofaschisten und Nationalsozialisten maßgeblich begünstigten, tiefer. Vielleicht hofft ja der eine oder andere Stimmenfänger, als Krisengewinnler bei den nächsten Wahlen Fruststimmen abzuräumen. Dem Wohl der Bevölkerung zuträglicher wäre es, würden die Parteien nicht gegeneinander, sondern miteinander die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen multipler Krisen angehen.