Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

NS-Gräberfeld in Tirol: "Es darf nichts vertuscht werden"

EUROPAEISCHES FORUM ALPBACH
(c) APA (Silke Ramacher)
  • Drucken

Landeshauptmann Platter ist über den Fund der Überreste von möglichen Opfern der Euthanasiemorde "zutiefst erschüttert": Im März startet die Bergung der insgesamt 220 Leichen.

Nach Bekanntwerden des Gräberfeldes in Hall (Tirol) mit möglichen Opfern des NS-Euthanasieprogrammes  hat sich Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP)"zutiefst erschüttert" gezeigt: "Das Land Tirol bekennt sich zu seiner historischen Verantwortung." Platter kündigte an, dass die Mitglieder der geplanten Experten-Kommission zur Aufarbeitung in den kommenden Tagen feststehen sollen.

Das Gräberfeld befindet sich im Bereich der Psychiatrie des Landeskrankenhauses in Hall. Ein dort geplantes Bauprojekt ist am Montag gestoppt worden. Im März soll die Bergung der insgesamt 220 Leichen aus dem NS-Gräberfeld im Rahmen eines für zwei Jahre angesetzten Projektes starten. "Wir können aber jetzt schon davon ausgehen, dass nicht alle Toten Opfer der NS-Euthanasie waren", so Oliver Seifert, Historiker des Landeskrankenhauses.

"Dunkles Kapitel aufarbeiten"

Landeshauptmann Platter erklärte, "dass dieses dunkle Kapitel der Geschichte jetzt sorgsam durchleuchtet und aufgearbeitet werden muss." Das sei man den Opfern und Angehörigen schuldig. Das Land Tirol als Eigentümer des Krankenanstaltenbetreibers "Tilak" habe deshalb angeordnet, alle Maßnahmen zu ergreifen, um die Geschichte dieses Friedhofs und die Vorgangsweise der Verantwortlichen vollständig aufzuarbeiten: "Hier darf nichts vertuscht werden."

Ziel des zweijährigen Projekts sei vor allem die Identifizierung der Leichen und die Klärung der Todesursache, betonten nach Platter auch Historiker und Vertreter des Krankenanstaltenbetreibers Tilak in einer Pressekonferenz.

Mindestens 360 Menschen seien von der Psychiatrie in Hall zu Tötungsanstalten gebracht worden. Nach der Einstellung des offiziellen "Programmes" im August 1941 seien Tötungen in einzelnen Anstalten durch Vernachlässigung, Unterversorgung, Unterernährung sowie Überdosierung von Medikamenten erfolgt. Das Projekt soll auch klären, ob Hall davon betroffen war.

"Markanter Anstieg an Sterbefällen"

"Möglicherweise wurde der Anstaltsfriedhof in Hall im Oktober 1942 angelegt, da es zu diesem Zeitpunkt Planungen gab, in Hall selbst eine Euthanasiestation einzurichten. Für die letzten Kriegsjahre ist jedenfalls ein markanter Anstieg der Sterbefälle in der Haller Anstalt festzustellen", erklärte der stellvertretende ärztliche Direktor des LKH-Hall, Christian Haring. Allein im März 1945 seien über 30 Patienten gestorben.

Von dem Friedhof habe man gewusst, ihn aber nicht in Verbindung mit der NS-Zeit gebracht, sagte Haring. Erst als das Gräberverzeichnis gefunden wurde, drängte sich ein Zusammenhang auf. Das Verzeichnis enthält demnach verschiedene Informationen, die den Verdacht nahelegen,  dass auf dem Friedhof auch Opfer der NS-Euthanasieprogramme bestattet wurden. Fast gleichzeitig mit dem Fund des Verzeichnisses startete die Planung eines Bauprojekts auf dem Areal der Psychiatrie. "Bald wurde klar, dass sich der Friedhof dort befinden dürfte, wo gebaut werden soll", sagte Historiker Seifert.

Rechtliche Ansprüche der Angehörigen?

Nach der Identifikation der Leichen wollen die Verantwortlichen Angehörige ausforschen und mit ihnen gemeinsam weitere Schritte absprechen. Dann soll auch geklärt, ob es rechtliche Ansprüche der Hinterbliebenen gibt. Dies sei derzeit noch nicht klar, meinte der kaufmännische Direktor des LKH-Hall, Wolfgang Markl.