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Die Ich-Pleite

Massentourist ist man nie selbst

Carolina Frank
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Die Abwasseruntersuchung beweist: Es ist nichts dran an dem Gejammer, dass die Touristen nichts dalassen.

Tourismusländer beklagen zwei Hauptprobleme: a) zu wenige Touristen, b) zu viele Touristen. Da ich selbst meine Position hin und wieder wechsle, hab’ ich dafür volles Verständnis. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Die Massentouristen sind immer die anderen. Wenn ich zum Beispiel nach Venedig reise, bin ich wegen des Flairs hier und wegen der Palazzi und wegen der Kunstwerke und wegen Donna Leon und wegen meiner Fähigkeit, mir auf Italienisch einen Aschenbecher zu bestellen. Und es kränkt mich, wenn der Kellner mir den Aschenbecher hinknallt, als wäre ich eines von Millionen Ärgernissen mit deutschem Akzent und schlechtem Benehmen.

Zurück im eigenen Land wechsle ich schnell die Position. Zu viele Touristen in meinem Stammcafé, zu viele Deutsche bei meinem Skilift, zu viele Chinesen in Hallstatt. Im Lauf der Jahrzehnte waren es verschiedene Nationen, die sich ob ihrer beharrlichen Weigerung, Geld hier zu lassen ohne persönliche Anwesenheit, bei meinem Volk unbeliebt gemacht haben. Schon in meiner Tiroler Touristenkindheit wurde ich eindringlich vor Wienern und Vorarlbergern gewarnt. Später waren es die Deutschen (zu laut), die Skandinavier (zu betrunken), die Italiener (zu fesch), die Russen (zu reich), und heute fürchtet man die Chinesen (zu viele).

Am meisten genervt sind die Hoteliers von Tagestouristen, die nichts dalassen. Vielleicht hat das Gesundheitsministerium deshalb entschieden, dem Coronavirus durch Abwasseruntersuchung an „besonders frequentierten Orten“ auf die Schliche zu kommen. Die ­kollektive Harnprobe beweist: Es ist nichts dran an dem Gejammer, dass die Touristen nichts dalassen. Und die chinesischen Touristen werden sich bei uns wie zu Hause fühlen: ziemlich überwacht. 

("Die Presse Schaufenster" vom 20.01.23)